Montag, 20. August 2012

Rezension (Assmann)

zu Karsten Zamzows Essay „Über das Schreiben“

In seinem Essay über das Schreiben behauptet Z., dass die europäische Kultur ausgebrannt sei, konstatiert eine Art kulturelle Degeneration, zieht eine Parallele zwischen der Gegenwart und Nietzsche letztem Menschen und beschreibt seine eigene Schreib-Motivation. Sein Schreiben ist Provokation, so auch in seinem Selbst-Zitat, in dem er das eigene Schreiben mit eine anzüglich-sexuellen Metapher als eine Art schnellen Akt beschreibt, der schnelle Befriedigung verschafft und nur der eigenen Bestätigung dient. Schreiben als Lust-Abfuhr in der Fast-Food-Gesellschaft. Hier kann man eine gewisse Selbst-Ironie nicht überlesen. Es ist auch eine Pardodie gegenwärtiger Kultur. In Zamzows Essay scheint eine große Unzufriedenheit mit der Gegenwart des Schreibens durch, die auch ich zumindestens partiell teilen kann. Seine Aussage über Täterprofile kann ich nicht recht einordnen. Es mag manche Menschen geben, auf die das tatsächlich zutrifft: Ich denke hier beispielsweise an Anders Breivik, aber was bedeutet es, dass man seine Spuren so durchdacht wie möglich setzen sollte. Spielt denn das eine Rolle, wenn man gar kein Täter werden will?

In einer Welt, in der der Markt regiert, braucht es niemanden mehr, der wirklich denkt. Schnelle Texte, schneller Genuss, etwas Affekte, genaue Darstellung von Sexualität. Das ist es, was es in dieser Welt Geld und Erfolg bringt. Geisteswissenschaften studiert man, um Reisen, Autos und I-Phone-Hüllen anzubieten. Wir leben in der Zeit seichter Feuchtgebiete und manch einer hat die Hoffnung, sich aus dem Absurden zu vögeln, zu kaufen oder zu verkaufen. Keine Frage, Sexualität und Unterhaltung sind wertvoll, doch führt eine Fixierung auf Genuss und Hedonismus und auf künstliche, materielle Ersatzbefriedigung niemanden weiter. Ein Sportwagen ist bloß schön, Sinn dagegen ist erfüllend. In affektiven Texten vergisst man für einen kurzen Moment die Schrecklichkeiten dieser Welt, des eigenen und fremden Daseins, die Absurdität der Umweltzerstörung und der Ausbeutung, des Krieges und des Wahnsinns. Man hält sie aber nicht auf. Auf Basis des negativen, wertenden Standpunktes zur gegenwärtigen Kultur führt Z. seine eigenen Gedanken aus, die durch diesen Standpunkt schon einer Selbstentwertung unterworfen sind.

Ich kann verstehen, dass man einen solchen Standpunkt hat, doch möchte ich auch einwerfen, dass die Kultur der Gegenwart erst retrospektiv ganz bewertet werden kann. Kafka war zu seinen Lebzeiten kein großer Autor und viele Philosophen brauchten einige Zeit, bis ihre Gedanken überhaupt aufgenommen wurden. Aber ich schweife ab und werde so Z. Essay nicht gerecht. Über dieses Selbst-Bekenntnis, das auch Ironie und Kritik ist, geht sein Essay nämlich weit hinaus. Er schreibt über identitäts- und distanzstiftende Aspekte des Schreibens. Als Beispiel für den distanzstiftenden Aspekt nennt er Goethe, der sein Leid im Werther ausgedrückt hat, diese Distanz bedeutet aber sogleich auch Identität, denn durch die Abfuhr der Gefühle, eine innere Reinigung wird man, wer man ist, erkennt man, was man fühlt und kann es loslassen und transzendieren.

Z. Essay endet mit der Frage, ob heutzutage noch jemand große Kultur spiele, mit dem Ganzen selbstzerstörerischen Ernst. Ist große Kultur selbstzerstörerisch? Vielleicht ist es schwierig, aber ist nicht das Unendlich-Seichte, das Degenerierte, was Zamzow im ersten Absatz anklingen lässt, letzendlich weit selbstzerstörerischer? Vielleicht bin ich ein unverbesserlicher Optimist, aber ich denke, es ist Hoffnung da, dass noch bewusst geschrieben wird.

Dienstag, 14. August 2012

Rezension (Zamzow)

 zu Mathias Assmanns Essay „Über das Schreiben“

In seinem Essay präsentiert sich A. als Selbstzerdenker, als hypertextualisierenden Hamlet. Er stellt sich die Frage, warum er schreibe. Wer erwartet, auf diese Frage eine harmlose Antwort zu erhalten, etwa weil es ihm Spaß mache, hat sich jedoch getäuscht. Die Skrupellosigkeit, mit der A. zu sich selbst in Distanz geht, um sich, gewissermaßen als ein Fremder gegenübertretend, szientisierend zu sezieren (oder dies zumindest vorzubereiten wie der Tiger seinen Sprung), ist verblüffend. Aber von diesen Distanzierungen distanziert er sich wiederum; er schreibt: „Psychologisch könnte ich sagen: Durch sehr gute Deutsch-Noten wurde ich zum Schreiben konditioniert. Ich wurde schlicht und einfach fast immer belohnt, wenn ich geschrieben habe.“ Er könnte es sagen, sagt er. Das Ironische hierbei ist natürlich, dass er es tatsächlich sagt. Überhaupt strotzt A.s Text von untergründigem Humor, der hier und da ans Licht kommt.

A. selbst schätzt den Wert des von ihm Geschriebenen nicht besonders hoch ein. Sollte man ihm das glauben? Deutet nicht gerade dieser Bescheidenheitsduktus darauf hin, dass er viel von sich erwartet? Dass er darum nur weniges gelten lässt und den Rest für minderwertig erklärt? Diese Einstellung ist gerechtfertigt, vielleicht sogar notwendig, hilft sie doch, der Selbstzufriedenheit, mit der alle Entwicklung aufhört, den Riegel vorzuschieben. Neuerdings kann man auf A.s Seite sogar Spaghettimonster-Girlieshirts bestellen. Damit die Girlies sich das antun, muss A. sie erst einmal dazu bringen, auf rescogitans.de zu verweilen. Und da diese Seite in erster Linie von seinen Beiträgen lebt, ist zu vermuten, dass er letztlich doch irgendetwas auf sein Schreiben hält. Oder wenigstens auf die Wirkung dieses Schreibens, die nicht nur seine Deutsch-Lehrerin erfasst haben dürfte.

Aber was sagt nun A. selbst, nachdem er – Spaghettimonster sei's gedankt – darauf verzichtet hat, seine Schreibmotivation im Spiegel diverser Wissenschaften zu betrachten? Er schreibt: „Die Hypertextualisierung der Gegenwart ist unwirklich, absurd, krankhaft und doch schreiben wir.“ Zwar kritisiert er diese Entwicklung, feuert sie jedoch mit der Produktion von „überflüssig-selbstverliebten“ Texten an. Der Grund seines Schreibens sei die Rache „an Lehrern, Journalisten, Dozenten und Mitmenschen“, die ihn mit ihrem Getexte erschlagen hätten. Wer heute schreibt, so könnte man diese Rache auch interpretieren, tut dies womöglich, um sich mit der Zusammenhanglosigkeit, der Beliebigkeit, eben die Hypertexualität seiner Erfahrung nicht abfinden zu müssen. Wäre eine solche Motivation nicht philosophisch zu nennen?



Über das Schreiben (Assmann)

 Eine Liebeserklärung an die Redundanz

 von Mathias Assmann (Link: http://rescogitans.de/)

Warum schreibe ich? Diese Frage kann ich sowohl kausal deuten im Sinne von: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ als auch telelogisch: „Was ist der Grund, weswegen ich schreibe.“ Dabei könnte der Grund mein Schreiben sowohl komplett kausal determinieren, als auch mitverursachen. Er könnte aber auch eine reine Rationalisierungsstrategie sein. Die Gründe müssen also nicht die Ursachen sein, sie könnten auch von mir erfunden worden sein, um vor mir ein Verhalten zu rechtfertigen, das gänzlich anders motiviert ist.

Widmen wir uns der ersten Frage: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ Diese Frage lässt sich kaum allgemein beantworten. Psychologisch könnte ich sagen: Durch sehr gute Deutsch-Noten wurde ich zum Schreiben konditioniert. Ich wurde schlicht und einfach fast immer belohnt, wenn ich geschrieben habe. Nun könnte man weitere Ursachen anführen: Soziales Geltungsstreben, Neugierde, Lust an der Verfeinerung der eigene Elaborate, ein intellektuelles Bestreben, einen Gegenstand gedanklich zu durchdringen unter der Zuhilfenahme des geschriebenen Wortes, das den Vorteil eines ausgelagerten Gedächtnisses mit sich bringt. Auch wäre es denkbar, dass das Schreiben selbst einen Zweck für mich bedeutet: Ich schreibe, weil Schreiben mir Zweck ist. Man könnte sich viele psychologische Erklärungen denken: Psychoanalytisch wäre zum Beispiel die Annahme, dass ich Triebe sublimiere oder unliebsame Empfindungen ins Abstrake hinein intellektualisiere. Evolutionspsychologisch könnte man sagen, dass elaborierte Menschen eher überlebt haben. Viele weitere Erklärungen sind denkbar. Bzgl. der zweiten Frage würden nur Gründe herhalten, die bewusst sind, psychoanalytische Erklärungen, die sich auf unbewusste Kausalitäten beziehen, würden hier ausscheiden und partiell ausgelagert werden. Gründe könnten sein: Ich möchte eine politische oder philosophische Botschaft übermitteln, etwas aussagen, wirtschaftlich erfolgreich sein, Frauen beeindrucken etc. An diesen Überlegungen wird ein philosophischer Aspekt deutlich: Handlungen basieren auf Gründen, wir können sie deuten, aber wir sehen die Ursache nicht. Vielleicht können wir irgendwann Handlungen rein kausal im Sinne einer Reduktion auf neurobiologische Korrelate erklären, momentan sind wir auf Deutungen angewiesen, die eine Ebene höher sind. Überhaupt können wir kausale Verknüpfungen nicht sehen, aber in den Naturwissenschaften haben wir häufig empirische Evidenz. Bei menschlichem Verhalten sieht das anders aus. Es ist so komplex, dass hier eher statistische und deutende Aussagen Sinn machen, philosophische Handlungstheorie und Psychologie sind deswegen eng miteinander verknüpft. In intradisziplinären Psychologie-Diskursen zwischen Behaviorismus und Psychoanalyse wurde dieser Aspekt in der Wissenschaftsgeschichte deutlich und es wurde ausgiebig gestritten.

Ich denke, dass mein Schreiben multikausal verursacht ist. Unterschiedlichstes spielt eine Rolle. Systeme, die ein Mensch nicht mehr überschauen kann. Ich schreibe, weil ich meine Gedanken entwickeln möchte, weil ich Kritik ernten möchte und mein Denken verfeinern möchte. Manchmal schreibe ich auch einfach, weil es sich beruhigend anfühlt, wenn die Tastatur-Tasten unter den eigenen Fingern nachgeben. Ich schreibe, um zu kommunizieren, Informationen zu vermitteln, Beziehungen zu pflegen, wenn ich auf Facebook mit jemandem schreibe oder einen Brief verfasse, aber in diesem Essay geht es mir eher um literarisches und philosophisch angehauchtes Schreiben, wie man es hier auf dieser Seite im Blog findet. Dies ist teilweise aber auch eher dahingeklatscht, eine Übung, die nicht viel Gehirnschmalz braucht. Selte ist hier etwas ausdifferenziert, formal und inhaltlich voller Hochglanz, sondern oft ist es etwas, was vermutlich nie jemand lesen wird. Wenn jemand möchte, kann er sich gerne die Mühe machen und mein Schreiben durchforsten. Man wird vermutlich Manches finden, was unterhalten kann und dann freue ich mich, das Meiste dürfte aber redundant wirken.

Aufgrund diesen vielen Erklärungen und der momentanen Unmöglichkeiten der Psychologie, gesicherte Erklärungen zu geben, die über berechtigte Zweifel erhaben sind, möchte ich die Frage „Warum schreibe ich?“ philosophisch, emotional und assoziativ beantworten. Kurz: Ich möchte dieses wissenschaftlich klingenden Wortschwall, den Sie bisher lesen mussten, aufgeben und durchstarten, neu, ehrlicher:

Diese Welt ist hypertextualisiert und ich trage mit dazu bei. Vielleicht ist mein Schreiben ein Nachahmen dessen, was ich wahrnehme: Eine traumatische Übertragung, in der ich mich dafür räche, von Text erschlagen zu werden. Das Internet, Buchläden und Bibliotheken sind voll mit Informationen. Fast jeder Gedanke wurde schon gedacht und möchte man etwas Neues oder Lesenswertes schaffen, was nicht einfach Anderem, was geschrieben wurde, unrechtmäßig die Aufmerksamkeit stiehlt, dann braucht es Genie und hartes Training. Doch dieses Training und dieses Genie hat so gut wie niemand, auch ich nicht, dennoch breiten sich die Textwüsten – Viel Text, also keine Metapher im Sinne von “Servicewüste”, aber: Immer der gleiche: So wie beim Sand in der Wüste – immer weiter aus. Deshalb schließe ich meinen Essay wie folgt: Ich und auch viele Boulevard-Journalisten, Akademiker und Andere schreiben meist aus wirtschaftlichen Motiven und/oder weil sie sich im Bildungssystem beweisen müssen oder Ähnliches. Dieses Schreiben hat etwas Irrationales, weil es sich vom Eigentlichen, von der Existenz, vom Inhalt entfernt. Es ist bloß Mittel zu wirtschaftlichem/sozialen Zweck, aber inhaltliche absolut überflüssig. Die Hypertextualisierung der Gegenwart ist unwirklich, absurd, krankhaft und doch schreiben wir. Unser Schreiben ist vielleicht das größte Loblied an das Absurde, das es je gegeben hat. So wie Kierkegaard sich dem Religiösen hingibt, obwohl oder gerade weil es irrational ist, so springen Texter ins belangslose Schreiben. Klar, hier könntet ihr sagen: Aber wirtschaftliche Motive sind doch sinnig. Ja, gut. Vielleicht vordergründig, doch worum es mir geht, ist das Lebensgefühl, das dieses Schreiben ob der fehlenden inhaltlichen Relevanz transportiert: Die große Rache an Lehrern, Journalisten, Dozenten und Mitmenschen, die mit überflüssig-selbstverliebten Text erschlagen haben. Und ich bin kein Bisschen besser: Ich schlage mit den gleichen Waffen zurück!

Sonntag, 12. August 2012

Über das Schreiben (Zamzow)

von Karsten Zamzow

Die europäische Kultur ist ausgebrannt. Was uns zu tun bleibt, ist die Kanonisierung und die Deutung des Überlieferten. Es ist nicht mehr die Zeit, unsterbliche Werke zu schaffen; es ist die Zeit der Gesundheit, des Designs und der Bodylotion. Wir sind die letzten Menschen, wie sie Nietzsche nennt. Unsere Würde hängt einzig davon ab, ob wir den Mut finden, diese Erkenntnis wie eine bittere Medizin zu schlucken oder nicht. Unsere Aufgabe besteht nur noch darin, ein Erbe zu pflegen, das wir um nichts mehr bereichern werden.

Unter diesen Vorzeichen ist klar, dass es mir im Folgenden nicht darum gehen kann, so zu tun, als ob das, was ich schreibe, irgendeine herausgehobene Bedeutung hätte. Im Gegenteil, das Internet ist überschwemmt von planlos hingeklatschten Texten wie den meinigen. Und es gibt sicherlich keinen Grund, warum jemand dem von mir Hingetippten etwas abgewinnen sollte. Einerseits will ich natürlich etwas schreiben, das Bedeutung hat, keiner von denen sein, die man genervt wegklickt, andererseits weiß ich nur zu genau, dass meine Texte keine Bedeutung haben können. Es ist vorbei. Aber wer vermag mit dieser Wahrheit zu leben, damit, dass alles, was er schafft, von vornherein zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, einfach dadurch, dass er es schreibt, ein Mensch des immer noch jungen 21. Jahrhunderts?

Was den Autoren früherer Generationen noch als die Bedingung zu ihrer öffentlichen Geburt gegolten hatte, nämlich das Publizieren, ist heute jedem leicht möglich. Dies hat den Vorteil, an einer Vielzahl von Weltsichten partizipieren zu können, von denen man sonst nichts erfahren hätte. Aber gerade weil jeder veröffentlichen kann und es keinerlei Beschränkungen gibt, werden Trillionen von Zeilen geschrieben, die, anstatt für immer im Netz zu kursieren, vielleicht besser nur ausgesprochen worden wären. Sieht dieses Ewig-im-Netz-Kursieren nicht auch ein wenig nach Unsterblichkeit aus, wenn dabei auch das Werk, der Superfetisch aller Schaffenden, fehlt? Wir wissen noch nicht, was es bedeutet, virtuell zu überdauern. Dazu ist das Internet eine zu junge Erfindung. Vielleicht wird es einmal Netzarchäologen geben, die Biographien anhand der im WWW hinterlassenen Spuren schreiben. Auch Täterprofile sind denkbar. Für diesen Fall scheint es ratsam, seine Spuren so durchdacht als möglich zu setzen. Womit wir wieder beim Thema wären: Schreiben. 
 
Warum schreibe ich? Vielleicht deshalb, um meiner Weise, die Dinge zu sehen, eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die in der sogenannten Wirklichkeit auf wenig Verständnis stößt. Schreiben heißt für mich, zu existieren; es ist nichts, das ich nebenher machen würde, weil ich Lust dazu hätte. Eigentlich will ich immer schreiben, jeden Tag. Zu schreiben, gehört zu meinem Habitus.
Ich produziere keine sorgfältig durchkomponierten Kurzgeschichten, von umfangreicheren Genres gar nicht zu sprechen. Nein, dazu fehlt mir die Konzentration, die Spannung, die Intellektualität. Spätestens nach drei Minuten verliere ich den Faden. Nur in diesen drei Minuten kann ich genügend Kraft bündeln, irgendwie - ich weiß nicht, wie - zusammenziehen, schreiben. Ich strebe äußerste Intensität bei äußerster Knappheit an. Meine Fragmente sind meine Ejakulationen, meine Erschöpfungen. Sie haben viel mit benutzten Kondomen gemein. Es noch zu können, sich noch explosiv und absolut erschöpfend verausgaben zu können, in drei Minuten, auf zehn Zeilen, das beglückt. Danach sinke ich benutzt zusammen, alles ist raus. [Zu einem Zeitpunkt,] [w]o andere noch nicht einmal warm geworden wären, liege ich schon vernichtet danieder - und lächle: denn ich kann es noch.“ (20. Juni 2011)

Vielleicht bin ich deshalb ein so miserabler Schreiber, weil meine Impotenz nur eine partikuläre, keine absolute ist und folglich auch meine Angst, impotent zu sein, nicht groß genug ist, um mich zu noch dramatischeren Texten anzustacheln. Aber das ist eine Übertreibung, wie alles Übertreibung ist, was geschrieben wird. Denn warum sollte man überhaupt etwas schreiben? 
 
Von diesen Nebelbomben abgesehen - und hiermit breche ich mein kleines Bekenntnis ab - kann das Schreiben dazu dienen, sich die eigene Entwicklung durchsichtig zu machen. Wer regelmäßig schreibt, kann anhand seiner Aufzeichnungen nachvollziehen, warum er steht, wo er steht (bereits nach etwa drei Tagen behandele ich meine Texte wie ein Historiker, der Quellen sichert). Schopenhauers Diktum, dass alle Dinge herrlich zu sehn, aber schrecklich zu sein seien, lässt sich auch auf unsere Vergangenheit übertragen. Wer vermöchte heute schon zu sagen, zu welch rührigem Gegenstand seine soeben herausgeschriene und dann aufgeschriebene Verzweiflung einmal in seiner Erinnerung werden wird? Das klassische Instrument des Vergegenwärtigens ist das Tagebuch. Um das Realitätsprinzip etwas zu lüften und den Identitätszwang aufzubrechen, bieten sich auch narrative Textsorten an. 
 
Nicht immer ist man bereit, eine Regung oder einen Gedanken als zu sich gehörig gelten zu lassen. Für diesen Fall empfiehlt sich das narrative Schreiben. Denn immer wird man über das Geschriebene sagen können: Nicht ich spreche hier, sondern jemand anderes. In allem Erzählten finden sich biographische Beimengungen, aber ebenso Masken, falsche Häute und verwischte Spuren. Es ist bekannt, dass sich Goethe den innwendigen Überdruck von der Seele nahm, als er den Werther schrieb. Werther musste sterben, damit Goethe leben konnte. Es erscheint allemal vernünftiger, einen Doppelgänger zu opfern, als sich selbst. Einige Leser Goethes, junge unglückliche Männer vor allem, zogen es hingegen vor, Werther in den Tod nachzueifern. Ihnen fehlte offenbar das Ventil. Und was wäre aus Thomas Mann geworden, wenn ihm das Talent zur eleganten Prosamaschine abgegangen wäre? Die Beantwortung dieser und ähnlicher (denn die Namen sind austauschbar) Fragen bedeutete wohl zu wissen, was Thomas Mann gewesen wäre, wenn er nicht Thomas Mann gewesen wäre. 
 
Zum Einen nützt das Schreiben, um sich seiner Identität zu versichern. Damit hat es eine stabilisierende Wirkung. Andererseits droht, wer schreibt, in eine Parallelwelt zu geraten, wenn er sich auf seine erzählerische Identität versteift. Bekannt ist, dass Kafka Felice Bauer, seiner Verlobten, schrieb, er sei Literatur. In der Forschung kursiert sogar die Auffassung, Kafka habe sich nur auf Felice eingelassen, um jemanden zu haben, dem er Briefe schreiben konnte. Nun ist Kafka sicherlich eine extreme Figur und deshalb kein gutes Beispiel. Wenden wir uns also dem Philosophen Bieri zu, der mit einigen Romanen auf sich aufmerksam gemacht hat. Er schreibt: „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst die Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“ Das Schreiben ist eine von vielen Möglichkeiten, sich auszudrücken. Dabei ist fraglich, inwiefern das, was man schließlich als Text vor sich hat, tatsächlich zur Selbsterkenntnis beiträgt. Bieri ist Optimist und ein Vertreter sonniger Rationalität. Ohne weiteres ließe sich indes fragen, ob nicht die „stilistische Individualität“, wie er sie nennt, nur auf dem Papier oder dem Bildschirm existiere. 
 
Immerhin kann ich eine gewisse Distanz zu dem gewinnen, was ich geschrieben habe (und womöglich bin). Wer seine alten Texte durchliest, wird sich oft die Hände über den Kopf zusammenschlagen müssen. Ist es nicht erstaunlich, dass sich jemand dem, was er vor Jahren noch für unbestreitbar gehalten hat, heute nur noch mit einer gewissen Ironie zu nähern vermag? Gleichzeitig bleibt er befangen und kann seine Texte nicht so beurteilen, als ob sie ein Fremder geschrieben hätte. Man kann den Wert des Geschriebenen, dessen Schätzung von ohnehin höchst subjektiven Kriterien abhängt, schwerlich erkennen, erst recht, wenn man selbst der Autor ist. Denn man weiß ja, was man sagen wollte, man hat den privilegierten Zugang zum Eigentlichen, zum Gemeinten des Textes, als dessen Ausdruck man ihn deutet. Selbstkritik ist eine schmutzige Sache, weil man immer noch ein wenig derjenige ist, über den man sich hermacht. Was für den Außenstehenden nach belanglosen Nabelspielen aussehen mag, kann sich für den schreibend Befangenen zu einem moralischen Problem auswachsen. Was wohl nicht so wäre, wenn das Schreiben nichts mit Selbsterkenntnis zu tun hätte. Also Punkt für Bieri.

Das Schreiben ermöglicht es dem Schreibenden, dem trübe dahinplätschernden Erlebnisstrom eine individuelle Form aufzuprägen, sich die Erfahrung anders anzueignen als jemand, an dem das Leben vorüberrauscht. Wenn es zutrifft, und die Zeichen für diese These verdichten sich, dass unsere Wahrnehmung in der Sprache fundiert ist, könnte das Schreiben auch als eine Art Wahrnehmungstraining verstanden werden.

Abschließend nun sei gefragt, was einen guten Text ausmache. Woher kann ich als Schreibender wissen, dass es irgendeinen Wert hat, was ich schreibe? Dass dieser Wert nur ein subjektiver sein kann, ist Gemeingut. Doch diese Subjektivität ist etwas, das sich mit den Mitteln der Sprache formen und bearbeiten lässt. Der Mensch ist nicht interessant, solange er nur so ist, wie er ist. Die goethische Weise der Weltbetrachtung etwa ist durch und durch stilisiert, ohne deshalb gekünstelt zu sein. Wer liest, hört die Stimme des Autors. Die Aufgabe des Autors, wie ich sie verstehe, besteht darin, an seiner Stimme zu arbeiten, sie zu modellieren und zu pflegen, bis sie ganz die seine ist. Damit will ich nicht sagen, dass man die Sprache völlig beherrschen könne. Einen einzigartigen Stil zu kreieren, sehe ich nicht als primäres Ziel an. Aber ein geschärftes Bewusstsein für das Wie des Schreibens in all seinen Formen - und damit auch für die Unmenschlichkeiten, die es lieben, ihre Eier in Dummheiten zu legen und zwischen den Zeilen auszubrüten - tut uns allen not. Denn das noch etwas geschrieben wird, ist klar, auch wenn diesem Geschriebenen die Bedeutung fehlt und fehlen muss, die über den Tag hinausreichte, und zwar mit traurig-unausweichlicher Notwendigkeit.
Oder gibt es da draußen etwa immer noch Leute, die noch große Kultur spielen? Ohne Abstriche? Mit dem ganzen selbstzerstörerischen Ernst?

Mittwoch, 11. Juli 2012

Rezension (Assmann)

zu Karsten Zamzows Essay "Was ist Philosophie?"

Eine Kritik oder Rezension eines Essays ist ein schwieriges Unterfangen, denn es geht in einem Essay, wenn nicht die Form akademischer Arbeit, sondern die literarische Gattung gemeint ist, nicht um abfragbares Wissen. Neben Stringenz und formalen Kriterien ist insbesondere auch Kreativität und Originalität wichtig. Fast fühle ich mich beim Schreiben einer Rezension zu Karsten Zamzows Essay wie ein Deutsch-Lehrer, der eine Arbeit bewertet. Ich merke gleich: Ich könnte kein Lehrer in einem geisteswissenschaftlich-orientierten Fach sein. Bei Mathematik ist es für einen geübten Mathematiker einfach, fair zu sein, da es klare, eindeutig operationalisierbare Kriterien für richtig und falsch gibt. Die Bewertung eines Essays zum Thema, was Philosophie sei, muss aber notwendig subjektiv sein und läuft immer Gefahr, unfair zu sein. Schon meine Wahrnehmung ist durch meine eigene Perspektive bestimmt. Wenn Einstein sagt, dass die Theorie bestimmt, was wir beobachten können, so ist das für die Geisteswissenschaften und Künste fast noch wichtiger als für die Naturwissenschaften. Sicherlich könnte ich streng versuchen, allgemeine Bewertungskriterien zu finden, aber selbst die Auswahl dieser Kriterien wäre subjektiv, deshalb nehme ich von der Lehrerperspektive Abstand und schreibe eine bewusst subjektive Rezension, die exegetisch angereichert ist:
Soll ich mit einer reinen Inhaltsangabe anfangen? Nein, denke ich mir! Wer diese Rezension liest, kann auch den Essay selbst lesen und verstehen!
Gleich zu Anfang weist Karsten Zamzows auf die Inkommensurabilität verschiedener Philosophie-Begriffe hin und folgert, dass er einen eigenen Philosophie-Begriff entwickeln müsse. Das weckt insbesondere das Interesse von Lesern, die schon eine Vorstellung von Philosophie-Begriffen haben und neue Akzente kennen lernen möchten. Das gilt auch für mich. Ich möchte weiterlesen!
Er stellt dar, dass der Nutzen von Philosophie subtil ist, nicht augenscheinlich. Ein Philosoph betrachte die Welt aus einer globalen Perspektive und sei eher ein Sonderling, über den so mancher lacht. Dies scheint auch der Etymologie zu entsprechen, denn das griechische Philos verweist in manchen Wörtern auf jemanden, der sich so sehr für etwas interessiert, dass es manch anderen skurril erscheint. Ja. Vielen Menschen erscheinen Philosophen wie Freaks. „Was Du studierst Philosophie?“ „Was macht man denn damit?“ „Und was wird man damit?“ „Hältst Du Dich für etwas Besseres?“ Es erscheint vielen unverständlich, dass man seine Geisteskraft in ein Fach investiert, dass als trocken und verschroben gilt und mit dem man später höchst wahrscheinlich nicht allzu viel Geld verdienen kann. Manche werten philosophisches Interesse auch als Arroganz, manche sogar als gefährlich oder krankhaft. Philosophie, das ist reine Intellektualisierung, denkt sich vll. mancher Tiefenpsychologe. Das mag teilweise stimmen. Doch schon Freud hat darauf verwiesen, dass die Genese einer Geistesanschauung wenig bis nichts über deren Korrektheit aussagt.
Ein Philosoph betrachte die Welt mit einigem Abstand – schön allegorisch dargestellt – und Philosophie sei, auch als praktische Philosophie Theorie, schreibt Zamzow. Hier kann ich folgen, möchte aber auch anmerken, dass man genauso sagen könnte, dass auch theoretische Philosophie immer Praxis ist: Jedes Denken braucht ebenso wie eine andere Handlung Zeit, für deren Verwendung sich entschieden wird. Das Denken bereitet außerdem oft eigene Handlungen vor und wird es publiziert, so bekommt es eine gesellschaftliche oder sogar politische Funktion
Weiter schreibt Zamzow, dass der Philosoph eine eigene Sprache spricht und Begriffe erschließt. Hier liegt meiner Ansicht nach etwas Wichtiges verborgen, denn die Philosophie erschließt Begriffe und Begriffe erschließen unsere Welt. Philosophie ist somit auch Welterschließung, außerdem verweist er auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von etwas. Hier zeigt sich kantischer und analytischer Einfluss und ich gehe voll und ganz d’Accord. Über die empirische Fassbarkeit möchte ich kantisch noch einmal erwähnen, dass die Begriffe, selbst wenn sie sehr abstrakt sind, sich auf Anschauungen beziehen und diese Ordnen. Die Begriffe haben eine Ordnungsfunktion im Empirischen. Selbst Wörter wie „Kausalität“ und „Gott“ beziehen sich auf die sinnlich wahrnehmbare Welt.
Zamzows Aussage, dass der Philosoph die Welt zunächst als Mögliches betrachtet, verweist auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und auch auf den Existentialismus. Sie ist ein Hinweis darauf, dass die Philosophie kreativ ist. Ein Philosoph ist in die Kontingenz geworfen. Er zweifelt an Autoritäten, er bekommt keine Methodologie vorgegeben, der er notwendig folgen muss, sondern er denkt über den Tellerrand hinaus und schafft sich seine eigenen Interpretationen. Seine Vernunft ist nicht rein instrumentell.
Weiter schreibt Zamzow, dass ein Philosoph auf der Suche nach Orientierung und Sinn ist. Dies erscheint für manche Philosophie-Begriffe zentral. Ein Nicht-Philosoph springt aus dem Absurden, würde Camus sagen: Ab in die Religion oder in irgendeine geordnete Weltanschauung. Der Philosoph dagegen liebt Welten, die nicht fundamental geordnet sind, da er die meisten Ordnungsversuche als Scheinlösungen betrachtet. Philosophischer Diskurs ist infinit denkbar und so könnten Milliarden Essays folgen. Nahezu jeder dürfte es wert sein, gelesen zu werden, doch vermutlich wird niemand die Frage nach dem Wesen der Philosophie je abschließend beantworten. Zamzow ist sich dessen bewusst und schafft mit seinem Essay eine eigene persönliche Perspektive, die ich gerne gelesen habe, auch wenn ich nicht finde, dass die Bezeichnungen Schriftsteller und Philosoph notwendig etwas Elitäres haben müssen. Ob jemand in der Tonne oder im Penthouse wohnt, mag politisch bedeutsam sein, aber die Philosophie sollte unabhängig davon inhaltlich betrachtet werden. Berufsphilosophie ist für mich eher deshalb ein Problem, weil sie dazu führt, dass eine Metadisziplin zur Fachdisziplin wird. Philosophie sollte nicht ausgelagert werden, sondern in Diskurse integriert sein.

Rezension (Zamzow)

zu Mathias Assmanns Essay "Was ist Philosophie?"

In seinem Essay unternimmt es Assmann, die Frage, was Philosophie sei, mithilfe verschiedener Herangehensweisen zu klären (etymologische, historische, methodische und schließlich philosophische). Insgesamt tritt er vor allem als Referent dessen auf, was man als abendländische Philosophietradition bezeichnen könnte. Seine Äußerungen zur Philosophie-Historie nehmen den größten Raum ein. Er geht auf die Vorsokratiker, auf Sokrates, Kant, Wittgenstein, viele weitere und vieles mehr ein, skizziert kurz, schneidet an, fährt fort, springt weiter. Muss er aber, um die Philosophie historisch betrachten zu können, nicht schon einen bestimmten Philosophie-Begriff voraussetzen? Müsste er, indem er schreibt, dass sich historisch nicht klären lasse, was die Philosophie sei, nicht schon wissen, worauf er hinauswill? Assmann schreibt, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen und andere ausgelagert worden seien, um zu begründen, dass aufgrund der verschiedenen historischen Zuschreibungen keine genaue Begriffsbestimmung möglich sei. Er versucht in diesem Abschnitt noch nicht, den Begriff zu bestimmen, sondern scheint von einem unartikulierten Vorverständnis auszugehen, so dass unklar bleibt, von welcher Grundlage er ausgeht. Was ist ein Keks? Die historische Herangehensweise lehrt uns: Es gab Zeiten, in denen als Keks (Philosophie) galt, was heute unter Kuchen (Wissenschaft) firmiert. Aber was ist nun der Keks? Mit anderen Worten: Ich verstehe nicht, warum Assmann versucht, sich dem Gegenstand seines Essays, der wohl nur philosophisch erschlossen werden kann, anders als philosophisch zu nähern.

Nachdem Assmann recht summarisch, mehr berichtend als eigentlich urteilend verfahren ist, widmet er sich der Fragestellung im letzten Abschnitt seines Essays philosophisch. Ich behaupte jedoch, dass er in den vorhergehendne Abschnitten längst philosophiert hat, philosophieren musste, allerdings ohne dies offenzulegen. Er betont die philosophische Pluralität, wagt jedoch eine, wenn auch zurückhaltende Antwort auf die Ausgangsfrage: "Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens." Assmanns Respekt vor der Vielfalt dessen, was unter Philosophie verstanden werden kann, wird hier deutlich. Er mutet sich nicht zu, die Ausgangsfrage mit einem Satz wegzuwischen, was dem Gegenstand angemessen ist. Daher das "vielleicht". Andererseits bestimmt er den Begriff de facto. Diese doppelte Rücksichtnahme, zum Einen auf das, was er selbst unter Philosophie versteht, und zum Anderen auf das, was "im Allgemeinen" darunter verstanden wird, verunmöglicht Assmann die Begriffsbestimmung. Ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt redlich ist, diese zwischen Besonderem und Allgemeinem vermittelnde Position einzunehmen. Fruchtbarer wäre es wahrscheinlich, die Frage von vornherein für sich zu beantworten und dies kenntlich zu machen. An dieser Stelle scheint mir keine tiefe philosophische Weisheit, sondern ein platter Gemeinspruch das Wesentliche zu treffen: Man kann es nicht allen (Auffassungen darüber, was Philosohie sei) recht machen. 
 
Assmann schreibt: "Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck." Hier sieht es so aus, als würde er Wahrheit und Weisheit gleichsetzen. Leuchtet das ein? Ebenso ist unklar, was es mit der "Liebe zur Weisheit" eigentlich auf sich hat, denn er schreibt ja selbst, dass dieser Begriff vielerlei Verwendung finden könne: "Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein." Diese Unbestimmtheit bzw. Unterbestimmtheit von Begriffen, die selbst wiederum philosophischer Klärung bedürften, macht es für mich schwierig, Assmanns Text zu folgen, auch wenn mir viele seiner Gedanken vertraut sind. Er beweist ein großes Wissen und versteht es, dieses auszubreiten. Die Darstellung wirkt jedoch teilweise recht deklamatorisch (Philosophie hat ... Philosophie kann ... Philosophie ist ... Philosophie ist ...) und einführungswerkklappentextmäßig. Besonders im letzten, dem wichtigsten Abschnitt reiht sich ein Satz an den anderen, ohne dass diese sich einander viel zu sagen hätten. Vielleicht wäre hier - um einen weiteren Gemeinspruch einzustreuen - weniger mehr gewesen.


Montag, 9. Juli 2012

Was ist Philosophie? (Zamzow)

von Karsten Zamzow 

   

Die Frage danach, was Philosophie sei, suggeriert, dass es so etwas wie die Philosophie gebe. Das Erste, was dem jungen Menschen jedoch auffällt, wenn er sich der Philosophie zuwendet, ist die Vielfalt der philosophischen Strömungen. Lässt sich ein Kriterium (oder mehrere) ausmachen, das von all diesen Strömungen erfüllt wird? Zu bedenken gibt, dass sich verschiedene philosophische Schulen gegenseitig das Existenzrecht absprechen, was darauf hinzuweisen scheint, dass jemand, der von der Philosophie spricht, dies nur aus einer harmonisierend-oberflächlichen Außenperspektive tun kann. Die Beantwortung der Ausgangsfrage wird davon abhängen, ob es mir gelingt, das alle Philosophien Verbindende herauszuarbeiten, ohne sie für diesen Eingriff zu verstümmeln und zurechtzufälschen. Ist ein solches Unterfangen möglich? Kann man sich mit dieser Frage beschäftigen, ohne nicht schon zu philosophieren, also auch schon auf eine gewisse Weise zu philosophieren? Worauf könnte sich diese Weise wiederum zurückführen lassen? Es hilft nichts, ich werde selbst einen Begriff von Philosophie entwickeln müssen. Die Vorstellung, man könne alle philosophischen Strömungen abklappern, um so den Begriff der Philosophie gewissermaßen empirisch zu eruieren, ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.

Ich möchte damit beginnen, dass ich danach frage, was einen sogenannten Philosophen von einem intelligenten Menschen ohne Philosophie unterscheidet. Während der Wert der Intelligenz als unbezweifelt dasteht und viele Eltern den größten Wert darauf legen, dass ihr Kind eine gute Schule besucht, gilt die Philosophie eher als suspekt, obwohl kaum jemand die These vertreten dürfte, dass Philosophen dumm seien. Im Gegenteil: Sie scheinen zu sehr damit beschäftigt, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich gedanklich in sie hineinzuwühlen, so dass ihnen über dieser ihrer Beschäftigung das Leben entgleitet. Man denke nur an das Lachen der thrakischen Magd über Thales, einen der ersten großen Philosophen, der, ganz in die Betrachtung des Sternenhimmels vertieft, in einen Brunnen fiel. Dieses thrakische Lachen ist niemals ganz verklungen. Oft frage ich mich auch: Was tue ich hier eigentlich? Beispielsweise in einem Seminar über Heideggers Sein und Zeit im letzten Wintersemester. Das ist ja alles ganz interessant, was ihr da über die Weltlichkeit von Welt erzählt, aber ...

In der Tat scheint die Philosophie zu nichts nütze zu sein. Oder anders: Ihr Nutzen ist nicht so augenscheinlich wie etwa der der Betriebswirtschaftslehre. Das liegt daran, dass die Philosophie, im Gegensatz zu den Wissenschaften, keinen festen Gegenstand hat. Sie verändert nichts als eben den Menschen, der philosophiert, während sich die Wissenschaften, in Form der Technik, dazu nutzen lassen, die Welt praktisch umzugestalten. Sicherlich wird ein philosophisch gebildeter Mensch anders handeln als jemand, dem es nur um Profitmaximierung geht. Ich denke aber nicht, dass er deshalb philosophiert, um anders zu handeln, sondern um sich vor allem klar darüber zu werden, warum er handelt, wie er handelt. Auch die sogenannte praktische Philosophie ist Theorie. Sie liefert die theoretischen Grundlagen für ein gutes Handeln. Handeln muss der Mensch immer noch selbst. Kant sagt zwar, dass es unter allen Umständen unmoralisch sei, zu lügen. Damit gibt er jedoch keine stupide Handlungsanweisung, kein "Du sollst". Denn die Forderung, nicht zu lügen, hängt auf's Engste mit Kants Moralphilosophie zusammen und ist ohne diese nicht zu verstehen (Stichwort kategorischer Imperativ).

Philosophie ist also Theorie. Mit dieser Bestimmung lässt sich, denke ich, ihr zweifelhafter Ruf erklären. Vielleicht ist an dieser Stelle ein Vergleich angebracht. Man stelle sich einen Touristen vor, der vor der Wand eines Schlosses steht, so nah, dass er sich beinahe die Nase an dem alten Ziegelsteinen eindrückt. Der Aufforderung, doch bitte etwas zurückzutreten, um die Schönheit des Schlosstores besser bewundern zu können, kommt er gerne nach. Der Philosoph ist nun mit jemandem zu vergleichen, der bis in den rund dreihundert Meter entfernten Schlosspark geht, um das Schloss in seiner Gesamtheit überblicken zu können. Dort liegt viel Müll herum und auf die vollgesprühte Bank mag er sich nicht setzen. Doch er ist froh, das Schloss in seiner Totalität zu sehen, wie er der Krähe anvertraut, die ihm ihre Gunstbezeigung auf den Kopf setzt. Wie jeder Vergleich hinkt auch dieser. Doch glaube ich, das Eigentümliche der philosophischen Betrachtung illustriert zu haben, das darin besteht, den Dingen näher zu kommen, indem man von ihnen Abstand nimmt. Unser Philosoph wird der letzte sein, der das Schlosstor durchschreitet, in diesem Sinn ist sein Tun weltfremd, unpraktisch. Aber gerade dieser Abstand ermöglicht es ihm, über das Schloss Aussagen zu treffen, die jemandem, der direkt vor diesem steht, nicht möglich wären.

Und warum ist dieser Betrachter aus der Ferne nun ein Philosoph und nicht etwa ein Architekt? Ich denke, dass sich der Philosoph dadurch zu erkennen geben wird, dass er eine bestimmte Sprache spricht, die nicht umittelbar einleuchtet, also gelernt werden muss. Nun ist dieser Umstand an und für sich noch nichts Besonderes, denn jede Wissenschaft prägt ihre eigene Sprache. Das Besondere philosophischer Begriffe besteht indes darin, dass sie Erschließungskategorien sind, die keinen festen Anwendungsbereich haben. Wenn der Architekt über seine Tätigkeit redet, wird er den engen Raum seines Gesichtskreises nicht überschreiten können, ohne dass seine Rede ihres Sinnes verlustig ginge. Es lässt sich schlecht Kosmologie treiben, wenn man nur von Dachböden reden kann. Der Philosoph hingegen vermag grundsätzlich über alles zu reden, ein Umstand, der ihm viele böse Blicke einhandeln kann. Denn er weiß in der Regel nicht besonders viel, was die Fakten angeht, hat jedoch ein ausgeprägtes Gespür dafür, ob Begrifflichkeiten widerspruchslos verwendet werden, Argumentationen schlüssig sind etc. Man denke nur an die Diskussionen über die Hirnforschung.

Was ich oben Erschließungskategorie genannt habe, ist ein anderes Wort für Begriff. Und hiermit sind wir bei einer weiteren Besonderheit des philosophischen Denkens. Denn Philosophie erschöpft sich nicht darin, Fehler und Unklarheiten aufzuspüren: sie ist ebenso ein schöpferisches Unterfangen, eine Kunst. Deleuze sagt, dass Philosophie die Kunst sei, Begriffe zu erfinden. Damit trifft er einen wichtigen Punkt, auch wenn die Polemik nicht übersehen werden darf, die in dieser Definition steckt. Was die Rede der Philosophen so unverständlich macht, sind ihre Begriffe, die in der Regel nicht zum allgemeinen Wortschatz gehören. Jeder Philosoph verfügt über seine eigene Begrifflichkeit. So spricht Platon von den Ideen, Kant von den synthetischen Urteilen a priori, Nietzsche vom Willen zur Macht - lauter begriffliche Kunstwerke! Philosophische Begriffe spielen jedoch auch im Selbstverständnis eines jeden Menschen eine nicht unwesentliche Rolle. Lebe ich frei oder fremdbestimmt? Dürfen wir den Einwanderern eine menschenwürdige Behandlung vorenthalten? Lässt es sich ethisch vertreten, Tiere zu Konsumzwecken zu töten?

Ob Freiheit, Menschenwürde oder Ethik: all diese Begriffe erhalten ihren Sinn einzig dadurch, dass man über sie diskutiert. Sie existieren ausschließlich in der Sprache. Es gibt keinen empirisch fassbaren Gegenstand, der ihnen entspräche. Das Besondere der Philosophie scheint mir darüber hinaus zu sein, dass sie nach der Bedingung der Möglichkeit fragt. Also: Wie ist Freiheit, wie Menschenwürde, wie Ethik möglich? Ja vielleicht ließen sich sogar alle philosophischen Fragen auf die folgende zurückführen: Wie ist etwas möglich? Wobei für "etwas" alles nur Erdenkliche eingesetzt werden kann. In diesem Punkt bin ich mir jedoch unsicher. Was ich zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass der Philosoph die Welt in erster Linie nicht als etwas Wirkliches, sondern als etwas Mögliches betrachtet, also als etwas, das auch anders sein könnte. Ich denke, dass jede Betrachtungsweise, die sich darauf beschränkt, bloß das vermeintlich Gegebene zu berücksichtigen, die menschliche Wirklichkeit verfehlen muss. Denn der Mensch ist eine eigentümliche Synthese aus Freiheit und Faktizität. Wer die Freiheit überbetont, vernachlässigt die Bedingtheiten seines Handelns. Und wer alles Treiben auf die Faktizität zurückführt, hat es nicht mehr mit Menschen, sondern anthropomorphen Automaten zu tun.

Da huschte er kurz vorbei, der Mensch. Welche Bedeutung kommt der Philosophie für den Philosophierenden zu? Oben schrieb ich, dass die Philosophie nichts verändere als denjenigen, der philosophiert. Wie kann das sein? Ich denke, dass Philosophie als ein Denken verstanden werden kann, das den Menschen in seinem ganzen Sein umtreibt. Er beschäftigt sich nicht mit Detailfragen oder Problemen seines tagtäglichen Fortkommens, sondern stellt sich gleichsam vor sich selbst hin, um sich und alle Dinge zu befragen. Darin, dass das philosophische Denken auf's Ganze geht, ähnelt es dem Gebet. Sicherlich kann man auch einen weniger emphatischen Begriff des Philosophierens vertreten, doch denke ich, dass alles ursprüngliche Philosophieren damit beginnt, dass sich der Mensch wundert und erstaunt in eine Welt blickt, die ihm bisher als das Allerselbstverständlichste gegolten hat. Der Blick des Philosophen ist der Blick eines Fremden. Seine Sehnsucht ist, eines Tages zurückzukehren und sich wieder heimisch zu machen, geläuterter, gelassener, selbst gleichgültiger, nachdem er seinen langen Lauf vollendet hat, seinen Lauf durch den Geist. Wird er jemals ankommen?

Das eine ist das Philosophieren, das andere die Philosophie: das, was sich gewissermaßen abgelagert hat. In Büchern, Institutionen, Vorurteilen. In der Antike blickten die Philosophen verächtlich auf die Sophisten, weil diese für ihre Weisheiten Geld verlangten. Heute haben wir es mit Berufsphilosophen zu tun, die davon leben, was sie denken. Aus diesem Umstand ergeben sich eine ganze Reihe von Problemen, die mit dem eigentlichen Philosophieren, wie ich es verstehe, nichts zu tun haben. So wagte es etwa im letzten Wintersemester ein Student, die Ergebnislosigkeit der Philosophie zu kritisieren. Er wollte Resultate sehen, handfeste. Ich weiß nicht, ob sein Einwand unbedingt als unberechtigt zurückgewiesen werden muss, was mir aber übel aufstieß, war die Reaktion der Dozentin. "Dann müssen Sie sich ernsthaft fragen, warum sie Philosophie studieren. Wozu sitzen Sie eigentlich hier?" So fragt jemand, der sein Revier gegen Eindringlinge abzuschirmen drängt, jemand, der meint, etwas zu sein, eben eine Philosophin. Nichts dünkt mir törichter, als sich für einen Philosophen zu halten. Ich ziehe es vor, jemand zu sein, der philosophiert, ohne Philosoph, und der schreibt, ohne Schriftsteller zu sein. Das ist eine Frage der Souveränität. Wer Philosoph ist, muss immer denken und zu allem Überfluss auch noch als Parteimann oder -frau auftreten. Nur so kann ich mir Aussagen wie die meiner Dozentin erklären. Das ist mein Brot nicht.

Was ist Philosophie? (Assmann)

von Mathias Assmann (Link: rescogitans.de)


Etymologische Herangehensweise und Grenzen

Jeder Schüler, der Philosophie in der Schule hatte, weiß, was Philosophie ist: Die Liebe zur Weisheit. Etymologische Stichworte: Griechischer Herkunft, Philos = Freund, Sophia = Weisheit. Danke. Thema abgehakt.
Fragt man Menschen, die sich intensiv mit dem befassen, was Philosophie ist, ist die Antwort häufig komplexer und meist individuell verschieden. Klar, die Etymologie bietet beim Wort Philosophie erste Anhaltspunkte und kann einem oft helfen, wenn man die Bedeutung eines unbekannten Wortes aufklären möchte z.B., wenn man als Jugendlicher wissen möchte, was Biologie ist: Biologie ist die Wissenschaft (logos= Wort/Lehre, bios= Leben) vom Belebten. Bei Philosophie gestaltet sich eine etymologische Herangehensweise allerdings als schwieriger, da zum einen der Ausdruck „Sophia“ auf unterschiedlichste Begriffe verweist und zum Anderen die Philosophie geschichtlich unterschiedlichste Methoden und Anwendungsgebiete entwickelt hat und es verschiedene Philosophie-Begriffe gibt, die teilweise Schnittmengen haben, sich teilweise aber auch gegenseitig ausschließen.
Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein. Sophisten im antiken Griechenland unterrichteten unterschiedlichste Fächer und wurden von Platon deutlich von Philosophen abgegrenzt. Auch ein goethischer Faust, der jeglicher Lehre abgeschworen hat und im Taumel des Lebens fernab vom Gelehrten-Dasein erkennen möchte, was das Mensch-Sein ausmacht, kann als Philosoph betrachtet werden. Also: Eine rein etymologische Herangehensweise reicht zur Begriffsklärung nicht aus.

Geschichtliche Herangehensweise und Grenzen

Geschichtlich kann man den Anfang der Philosophie bei den Vorsokratikern verorten. Diese Denker versuchten im Gegensatz zu religiösen Denkern das Weltgeschehen nicht auf Beseeltes (Animismus), sondern auf universale Prinzipien zurückzuführen. So kann man hier auch den Anfang der Naturwissenschaft sehen. Diese Naturphilosophen interessierten sich meist nicht für praktische Philosophie, nicht für Ethik oder die Frage, was man tun soll, sondern dafür, wie die Welt funktioniert. Der grundlegende Unterschied zur heutigen Naturwissenschaft lag in der Methodik, denn das Denken der Vorsokratiker war eher hermeneutisch als empirisch geprägt.
Mit Sokrates wurde schließlich die Frage der praktischen Philosophie wichtig, was das gute Leben sei. Sokrates war weniger Naturphilosoph als ein Mann, der an ethischen Fragen interessiert war. Seine Methode war die Mäeutik, ein Versuch, durch Fragen zu Erkenntnissen zu gelangen. Außerdem kann man ihn als Begründer eines methodischen Skeptizismus betrachten, wenn er sagt, dass er wisse, dass er nichts weiß. Trotz der Unterschiede nennen wir heute sowohl die Vorsokratiker als auch Sokrates Philosophen.
Mit Platons Akademie – Platon war Schüler des Sokrates – schließlich, einer Lehranstalt für Teile der Athener Oberschicht, kann man Philosophen als Universalgelehrte betrachten. Zwar waren auch schon die vorsokratischen Pythagoreer und Thales große Mathematiker, doch an der Akademie wurden erstmals unterschiedlichste Wissensgebiete unter dem Dach der Philosophie gelehrt. Ein Philosoph der Akademie war nicht bloß Ethiker, Metaphysiker und Erkenntnistheoretiker, sondern meist auch Wissenschaftler im damaligen Sinne.
Während des christlichen Mittelalters war die Philosophie im Wesentlichen die Magd der Theologie. Sie beschäftigte sich mit Gott und einem gottgefälligen Leben. Zugleich wurde sie an den ersten Universitäten, die aus christlichen Klosterschulen hervorgegangen sind, als Metadisziplin etabliert.
Während der Neuzeit, als sich Wissenschaft und Philosophie vom Christentum emanzipierten, wurden Ideen der Antike aufgegriffen und weiterentwickelt, sowie der Philosophiebegriff neu bestimmt. Im 18. Jahrhundert nennt Kant vier Grundfragen der Philosophie: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ Die letzte Frage beinhaltet die ersten drei. Insbesondere die ersten beiden Fragen scheinen heute noch konstituierend zu sein. Die kantische Trennung von Theorie und Praxis bestimmt auch heute die Studienstruktur. Theoretische Philosophie beschäftigt sich hauptsächlich erkenntnistheoretisch mit der Frage „Was kann ich wissen?“ und praktische Philosophie mit der Frage „Was soll ich tun?“, wobei hier auch gesellschaftliche und politische Perspektiven impliziert sind.
Im 20. Jahrhundert betrachtete Wittgenstein die Philosophie als Krankheit. Probleme der Philosophie seien entweder wissenschaftliche Probleme oder Scheinprobleme. Eine Analyse der Sprache soll laut der Meinung mancher analytischer Philosophen die Scheinprobleme auflösen. Hieraus hervorgegangen ist die analytische Philosophie, doch diese transzendiert heute häufig die Wittgenstein’sche Auffassung der Philosophie als Krankheit. Manche analytische Philosophen verfolgen sogar transzendentalphilosophisch-kantische Ansätze. Wichtig erscheint auf jeden Fall der sprachkritische Zug des 20. Jahrhunderts. Philosophie ist hier häufig eine hermeneutische Analyse der Sprache. Handlungstheorie beispielsweise beschäftigt sich aus sprachlicher Perspektive mit Fragen des freien Willens und von Handlungen. Aus der Erkenntnistheorie ist die Wissenschaftstheorie hervorgegangen, die fragt, wie Wissenschaft funktioniert und wie sich Wissenschaft von Pseudowissenschaften, Kunst und Praxis abgrenzt. Sie wird häufig auch in anderen Wissenschaften gelehrt oder behandelt, so ist sie Grundlage psychologischer Theoriebildung, ohne dort als genuin philosophisch betrachtet zu werden.
Die geschichtliche Herangehensweise kann einem sicherlich manchen Aufschluss geben, doch auch sie bietet Tücken, denn an der dargelegten Entwicklung lässt sich erkennen, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen sind oder Aspekte ausgelagert wurden, so dass man die Frage danach, was Philosophie ist, nicht rein historisch klären kann.

Methodische Herangehensweise und Grenzen

Vergleicht man die philosophische Methodik mit der Methodik der Naturwissenschaft, so erkennt man, dass die Philosophie meist nicht mit empirischen Messdaten operiert. Die Philosophie nutzt eher keine mathematische Modellbildung, sondern ist als Metadisziplin denkbar. Sie fragt, was das Denken macht und bedeutet. In der Philosophie beschäftigt sich das Denken zu einem Großteil unabhängig von Erfahrung mit sich selbst. Die Philosophie klärt Begriffe und versucht in der Metaphysik, das Bild, das die naturwissenschaftliche, aber auch geisteswissenschaftliche und alltägliche Empirie malt, in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie fragt danach, ob es einen Gott gibt, wie Wissenschaft funktioniert und in der Ethik, was gut ist. In vielen Bereichen hat sie Berührungspunkte mit Religionen, die das Weltganze in einen größeren Zusammenhang des Glaubens stellen, doch im Unterschied zu Religionen ist die Philosophie ergebnisoffen. Mit Glaubenssätzen wird eher gespielt, als dass sie als unumstößlich anerkannt werden, doch gibt es auch religiöse Philosophien.
Aufgrund der etymologischen Herangehensweise und des historischen Wandels ist aber auch die methodologische Begriffsklärung allein nicht sinnvoll. Philosophie entzieht sich einer einfachen Begriffsbildung und die Antwort auf die Frage, was Philosophie ist, ist selbst Philosophie und abhängig von eigenen Werten und Interpretationen. Vielleicht gibt es bald auch empirisch ausgerichtete Philosophen.

Pluralismus und eigene Perspektive

Philosophischer Versuch: Philosophie ist eine pluralistische, leidenschaftliche Disziplin des Denkens, des Staunens und der Praxis mit unterschiedlichster Methodik und Zielsetzung. Geschichtlich und methodologisch ist sie eine akademische Metadisziplin und die Mutter aller Wissenschaften. Auch heute wäre sie als Studium Generale sinnvoll. Häufig geht sie mit einem großen Wunsch danach einher, die Welt und das Mensch-Sein selbst zu verstehen und alles in einen Zusammenhang und eine Ordnung zu bringen. Sie hat Berührungspunkte mit allen Wissenschaften, Kunst, Literatur, aber auch mit Religion und Ethik. Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck. Ein Philosoph nutzt nicht nur Erkenntnisse, sondern er liebt die Wahrheit auch dann, wenn sie keinen Nutzen hat. Philosophie hat verschiedene Strömungen und ist häufig Ausdruck von individuellen Lebensgefühlen. Philosophie kann streng logisch, logikfeindlich oder beides zugleich sein. Philosophie ist mit jeder anderen Disziplin und mit dem alltäglichen Leben zu verknüpfen. Ob es sportliche/helfende/technische Praxis, Natur-, Geisteswissenschaft oder Kunst ist: Die Philosophie lässt sich mit all diesen Bereichen verbinden. Auch ein Mensch, der sich nie akademisch mit Philosophie beschäftigt hat, kann ein großer Philosoph sein und sich selbst beispielsweise in individuellen Selbsterfahrungen suchen. Aufgrund der Reichweite der Philosophie muss jeder Mensch selektieren und es wäre einfältig, einen Philosoph nach seinem akademischen Abschluss oder denkerischen Können zu beurteilen, auch wenn ein Philosophie-Studium oft auf philosophisches Interesse verweist. Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens. Popper sagt, dass jeder Mensch ein Philosoph sei, das ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber fast jeder Mensch hat das philosophische Potential, sich um Weisheit zu bemühen, wobei ich bewusst offen lasse, was Weisheit ist.