von Karsten Zamzow
Die Frage danach, was Philosophie sei,
suggeriert, dass es so etwas wie die Philosophie gebe. Das
Erste, was dem jungen Menschen jedoch auffällt, wenn er sich der
Philosophie zuwendet, ist die Vielfalt der philosophischen
Strömungen. Lässt sich ein Kriterium (oder mehrere) ausmachen, das
von all diesen Strömungen erfüllt wird? Zu bedenken gibt, dass sich
verschiedene philosophische Schulen gegenseitig das Existenzrecht
absprechen, was darauf hinzuweisen scheint, dass jemand, der von der
Philosophie spricht, dies nur aus einer
harmonisierend-oberflächlichen Außenperspektive tun kann. Die
Beantwortung der Ausgangsfrage wird davon abhängen, ob es mir
gelingt, das alle Philosophien Verbindende herauszuarbeiten, ohne sie
für diesen Eingriff zu verstümmeln und zurechtzufälschen. Ist ein
solches Unterfangen möglich? Kann man sich mit dieser Frage
beschäftigen, ohne nicht schon zu philosophieren, also auch schon
auf eine gewisse Weise zu philosophieren? Worauf könnte sich diese
Weise wiederum zurückführen lassen? Es hilft nichts, ich werde
selbst einen Begriff von Philosophie entwickeln müssen. Die
Vorstellung, man könne alle philosophischen Strömungen abklappern,
um so den Begriff der Philosophie gewissermaßen empirisch zu
eruieren, ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.
Ich möchte damit beginnen, dass ich
danach frage, was einen sogenannten Philosophen von einem
intelligenten Menschen ohne Philosophie unterscheidet. Während der
Wert der Intelligenz als unbezweifelt dasteht und viele Eltern den
größten Wert darauf legen, dass ihr Kind eine gute Schule besucht,
gilt die Philosophie eher als suspekt, obwohl kaum jemand die These
vertreten dürfte, dass Philosophen dumm seien. Im Gegenteil: Sie
scheinen zu sehr damit beschäftigt, den Dingen auf den Grund zu
gehen und sich gedanklich in sie hineinzuwühlen, so dass ihnen über
dieser ihrer Beschäftigung das Leben entgleitet. Man denke nur an
das Lachen der thrakischen Magd über Thales, einen der ersten großen
Philosophen, der, ganz in die Betrachtung des Sternenhimmels
vertieft, in einen Brunnen fiel. Dieses thrakische Lachen ist niemals
ganz verklungen. Oft frage ich mich auch: Was tue ich hier
eigentlich? Beispielsweise in einem Seminar über Heideggers Sein
und Zeit im letzten
Wintersemester. Das ist ja alles ganz interessant, was ihr da über
die Weltlichkeit von Welt erzählt, aber ...
In der
Tat scheint die Philosophie zu nichts nütze zu sein. Oder anders:
Ihr Nutzen ist nicht so augenscheinlich wie etwa der der
Betriebswirtschaftslehre. Das liegt daran, dass die Philosophie, im
Gegensatz zu den Wissenschaften, keinen
festen Gegenstand hat. Sie verändert nichts als eben den Menschen,
der philosophiert, während sich die Wissenschaften, in Form der
Technik, dazu nutzen lassen, die Welt praktisch umzugestalten.
Sicherlich wird ein philosophisch gebildeter Mensch anders handeln
als jemand, dem es nur um Profitmaximierung geht. Ich denke aber
nicht, dass er deshalb philosophiert, um anders zu handeln, sondern
um sich vor allem klar darüber zu werden, warum er handelt, wie er
handelt. Auch die sogenannte praktische Philosophie ist Theorie. Sie
liefert die theoretischen Grundlagen für ein gutes Handeln. Handeln
muss der Mensch immer noch selbst. Kant sagt zwar, dass es unter
allen Umständen unmoralisch sei, zu lügen. Damit gibt er jedoch
keine stupide Handlungsanweisung, kein "Du sollst". Denn
die Forderung, nicht zu lügen, hängt auf's Engste mit Kants
Moralphilosophie zusammen und ist ohne diese nicht zu verstehen
(Stichwort kategorischer Imperativ).
Philosophie
ist also Theorie. Mit dieser Bestimmung lässt sich, denke ich, ihr
zweifelhafter Ruf erklären. Vielleicht ist an dieser Stelle ein
Vergleich angebracht. Man stelle sich einen Touristen vor, der vor
der Wand eines Schlosses steht, so nah, dass er sich beinahe die Nase
an dem alten Ziegelsteinen eindrückt. Der Aufforderung, doch bitte
etwas zurückzutreten, um die Schönheit des Schlosstores besser
bewundern zu können, kommt er gerne nach. Der Philosoph ist nun mit
jemandem zu vergleichen, der bis in den rund dreihundert Meter
entfernten Schlosspark geht, um das Schloss in seiner Gesamtheit
überblicken zu können. Dort liegt viel Müll herum und auf die
vollgesprühte Bank mag er sich nicht setzen. Doch er ist froh, das
Schloss in seiner Totalität zu sehen, wie er der Krähe anvertraut,
die ihm ihre Gunstbezeigung auf den Kopf setzt. Wie jeder Vergleich
hinkt auch dieser. Doch glaube ich, das Eigentümliche der
philosophischen Betrachtung illustriert zu haben, das darin besteht,
den Dingen näher zu kommen, indem man von ihnen Abstand nimmt. Unser
Philosoph wird der letzte sein, der das Schlosstor durchschreitet, in
diesem Sinn ist sein Tun weltfremd, unpraktisch. Aber gerade dieser
Abstand ermöglicht es ihm, über das Schloss Aussagen zu treffen,
die jemandem, der direkt vor diesem steht, nicht möglich wären.
Und
warum ist dieser Betrachter aus der Ferne nun ein Philosoph und nicht
etwa ein Architekt? Ich denke, dass sich der Philosoph dadurch zu
erkennen geben wird, dass er eine bestimmte Sprache spricht, die
nicht umittelbar einleuchtet, also gelernt werden muss. Nun ist
dieser Umstand an und für sich noch nichts Besonderes, denn jede
Wissenschaft prägt ihre eigene Sprache. Das Besondere
philosophischer Begriffe besteht indes darin, dass sie
Erschließungskategorien sind, die keinen festen Anwendungsbereich
haben. Wenn der Architekt über seine Tätigkeit redet, wird er den
engen Raum seines Gesichtskreises nicht überschreiten können, ohne
dass seine Rede ihres Sinnes verlustig ginge. Es lässt sich schlecht
Kosmologie treiben, wenn man nur von Dachböden reden kann. Der
Philosoph hingegen vermag grundsätzlich über alles zu reden, ein
Umstand, der ihm viele böse Blicke einhandeln kann. Denn er weiß in
der Regel nicht besonders viel, was die Fakten angeht, hat jedoch ein
ausgeprägtes Gespür dafür, ob Begrifflichkeiten widerspruchslos
verwendet werden, Argumentationen schlüssig sind etc. Man denke nur
an die Diskussionen über die Hirnforschung.
Was ich oben Erschließungskategorie
genannt habe, ist ein anderes Wort für Begriff. Und hiermit sind wir
bei einer weiteren Besonderheit des philosophischen Denkens. Denn
Philosophie erschöpft sich nicht darin, Fehler und Unklarheiten
aufzuspüren: sie ist ebenso ein schöpferisches Unterfangen, eine
Kunst. Deleuze sagt, dass Philosophie die Kunst sei, Begriffe zu
erfinden. Damit trifft er einen wichtigen Punkt, auch wenn die
Polemik nicht übersehen werden darf, die in dieser Definition
steckt. Was die Rede der Philosophen so unverständlich macht, sind
ihre Begriffe, die in der Regel nicht zum allgemeinen Wortschatz
gehören. Jeder Philosoph verfügt über seine eigene
Begrifflichkeit. So spricht Platon von den Ideen, Kant von den
synthetischen Urteilen a priori, Nietzsche vom Willen zur Macht -
lauter begriffliche Kunstwerke! Philosophische Begriffe spielen
jedoch auch im Selbstverständnis eines jeden Menschen eine
nicht unwesentliche Rolle. Lebe ich frei oder fremdbestimmt?
Dürfen wir den Einwanderern eine menschenwürdige Behandlung
vorenthalten? Lässt es sich
ethisch vertreten, Tiere zu Konsumzwecken zu töten?
Ob Freiheit, Menschenwürde oder Ethik:
all diese Begriffe erhalten ihren Sinn einzig dadurch, dass man über
sie diskutiert. Sie existieren ausschließlich in der Sprache. Es
gibt keinen empirisch fassbaren Gegenstand, der ihnen entspräche.
Das Besondere der Philosophie scheint mir darüber hinaus zu sein,
dass sie nach der Bedingung der Möglichkeit fragt. Also: Wie
ist Freiheit, wie Menschenwürde, wie Ethik möglich? Ja vielleicht
ließen sich sogar alle philosophischen Fragen auf die folgende
zurückführen: Wie ist etwas möglich? Wobei für "etwas"
alles nur Erdenkliche eingesetzt werden kann. In diesem Punkt bin ich
mir jedoch unsicher. Was ich zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass
der Philosoph die Welt in erster Linie nicht als etwas Wirkliches,
sondern als etwas Mögliches betrachtet, also als etwas, das auch
anders sein könnte. Ich denke, dass jede Betrachtungsweise, die sich
darauf beschränkt, bloß das vermeintlich Gegebene zu
berücksichtigen, die menschliche Wirklichkeit verfehlen muss. Denn
der Mensch ist eine eigentümliche Synthese aus Freiheit und
Faktizität. Wer die Freiheit überbetont, vernachlässigt die
Bedingtheiten seines Handelns. Und wer alles Treiben auf die
Faktizität zurückführt, hat es nicht mehr mit Menschen, sondern
anthropomorphen Automaten zu tun.
Da huschte er kurz vorbei, der Mensch.
Welche Bedeutung kommt der Philosophie für den Philosophierenden zu?
Oben schrieb ich, dass die Philosophie nichts verändere als
denjenigen, der philosophiert. Wie kann das sein? Ich denke, dass
Philosophie als ein Denken verstanden werden kann, das den Menschen
in seinem ganzen Sein umtreibt. Er beschäftigt sich nicht mit
Detailfragen oder Problemen seines tagtäglichen Fortkommens, sondern
stellt sich gleichsam vor sich selbst hin, um sich und alle Dinge zu
befragen. Darin, dass das philosophische Denken auf's Ganze geht,
ähnelt es dem Gebet. Sicherlich kann man auch einen weniger
emphatischen Begriff des Philosophierens vertreten, doch denke ich,
dass alles ursprüngliche Philosophieren damit beginnt, dass sich der
Mensch wundert und erstaunt in eine Welt blickt, die ihm bisher als
das Allerselbstverständlichste gegolten hat. Der Blick des
Philosophen ist der Blick eines Fremden. Seine Sehnsucht ist, eines
Tages zurückzukehren und sich wieder heimisch zu machen,
geläuterter, gelassener, selbst gleichgültiger, nachdem er seinen
langen Lauf vollendet hat, seinen Lauf durch den Geist. Wird er
jemals ankommen?
Das eine ist das Philosophieren, das
andere die Philosophie: das, was sich gewissermaßen abgelagert hat.
In Büchern, Institutionen, Vorurteilen. In der Antike blickten die
Philosophen verächtlich auf die Sophisten, weil diese für ihre
Weisheiten Geld verlangten. Heute haben wir es mit Berufsphilosophen
zu tun, die davon leben, was sie denken. Aus diesem Umstand ergeben
sich eine ganze Reihe von Problemen, die mit dem eigentlichen
Philosophieren, wie ich es verstehe, nichts zu tun haben. So wagte es
etwa im letzten Wintersemester ein Student, die Ergebnislosigkeit der
Philosophie zu kritisieren. Er wollte Resultate sehen, handfeste. Ich
weiß nicht, ob sein Einwand unbedingt als unberechtigt
zurückgewiesen werden muss, was mir aber übel aufstieß, war die
Reaktion der Dozentin. "Dann müssen Sie sich ernsthaft fragen,
warum sie Philosophie studieren. Wozu sitzen Sie eigentlich hier?"
So fragt jemand, der sein Revier gegen Eindringlinge abzuschirmen
drängt, jemand, der meint, etwas zu sein, eben eine
Philosophin. Nichts dünkt mir törichter, als sich für einen
Philosophen zu halten. Ich ziehe es vor, jemand zu sein, der
philosophiert, ohne Philosoph, und der schreibt, ohne Schriftsteller
zu sein. Das ist eine Frage der Souveränität. Wer Philosoph ist,
muss immer denken und zu allem Überfluss auch noch als
Parteimann oder -frau auftreten. Nur so kann ich mir Aussagen wie die
meiner Dozentin erklären. Das ist mein Brot nicht.