Sonntag, 12. August 2012

Über das Schreiben (Zamzow)

von Karsten Zamzow

Die europäische Kultur ist ausgebrannt. Was uns zu tun bleibt, ist die Kanonisierung und die Deutung des Überlieferten. Es ist nicht mehr die Zeit, unsterbliche Werke zu schaffen; es ist die Zeit der Gesundheit, des Designs und der Bodylotion. Wir sind die letzten Menschen, wie sie Nietzsche nennt. Unsere Würde hängt einzig davon ab, ob wir den Mut finden, diese Erkenntnis wie eine bittere Medizin zu schlucken oder nicht. Unsere Aufgabe besteht nur noch darin, ein Erbe zu pflegen, das wir um nichts mehr bereichern werden.

Unter diesen Vorzeichen ist klar, dass es mir im Folgenden nicht darum gehen kann, so zu tun, als ob das, was ich schreibe, irgendeine herausgehobene Bedeutung hätte. Im Gegenteil, das Internet ist überschwemmt von planlos hingeklatschten Texten wie den meinigen. Und es gibt sicherlich keinen Grund, warum jemand dem von mir Hingetippten etwas abgewinnen sollte. Einerseits will ich natürlich etwas schreiben, das Bedeutung hat, keiner von denen sein, die man genervt wegklickt, andererseits weiß ich nur zu genau, dass meine Texte keine Bedeutung haben können. Es ist vorbei. Aber wer vermag mit dieser Wahrheit zu leben, damit, dass alles, was er schafft, von vornherein zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, einfach dadurch, dass er es schreibt, ein Mensch des immer noch jungen 21. Jahrhunderts?

Was den Autoren früherer Generationen noch als die Bedingung zu ihrer öffentlichen Geburt gegolten hatte, nämlich das Publizieren, ist heute jedem leicht möglich. Dies hat den Vorteil, an einer Vielzahl von Weltsichten partizipieren zu können, von denen man sonst nichts erfahren hätte. Aber gerade weil jeder veröffentlichen kann und es keinerlei Beschränkungen gibt, werden Trillionen von Zeilen geschrieben, die, anstatt für immer im Netz zu kursieren, vielleicht besser nur ausgesprochen worden wären. Sieht dieses Ewig-im-Netz-Kursieren nicht auch ein wenig nach Unsterblichkeit aus, wenn dabei auch das Werk, der Superfetisch aller Schaffenden, fehlt? Wir wissen noch nicht, was es bedeutet, virtuell zu überdauern. Dazu ist das Internet eine zu junge Erfindung. Vielleicht wird es einmal Netzarchäologen geben, die Biographien anhand der im WWW hinterlassenen Spuren schreiben. Auch Täterprofile sind denkbar. Für diesen Fall scheint es ratsam, seine Spuren so durchdacht als möglich zu setzen. Womit wir wieder beim Thema wären: Schreiben. 
 
Warum schreibe ich? Vielleicht deshalb, um meiner Weise, die Dinge zu sehen, eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die in der sogenannten Wirklichkeit auf wenig Verständnis stößt. Schreiben heißt für mich, zu existieren; es ist nichts, das ich nebenher machen würde, weil ich Lust dazu hätte. Eigentlich will ich immer schreiben, jeden Tag. Zu schreiben, gehört zu meinem Habitus.
Ich produziere keine sorgfältig durchkomponierten Kurzgeschichten, von umfangreicheren Genres gar nicht zu sprechen. Nein, dazu fehlt mir die Konzentration, die Spannung, die Intellektualität. Spätestens nach drei Minuten verliere ich den Faden. Nur in diesen drei Minuten kann ich genügend Kraft bündeln, irgendwie - ich weiß nicht, wie - zusammenziehen, schreiben. Ich strebe äußerste Intensität bei äußerster Knappheit an. Meine Fragmente sind meine Ejakulationen, meine Erschöpfungen. Sie haben viel mit benutzten Kondomen gemein. Es noch zu können, sich noch explosiv und absolut erschöpfend verausgaben zu können, in drei Minuten, auf zehn Zeilen, das beglückt. Danach sinke ich benutzt zusammen, alles ist raus. [Zu einem Zeitpunkt,] [w]o andere noch nicht einmal warm geworden wären, liege ich schon vernichtet danieder - und lächle: denn ich kann es noch.“ (20. Juni 2011)

Vielleicht bin ich deshalb ein so miserabler Schreiber, weil meine Impotenz nur eine partikuläre, keine absolute ist und folglich auch meine Angst, impotent zu sein, nicht groß genug ist, um mich zu noch dramatischeren Texten anzustacheln. Aber das ist eine Übertreibung, wie alles Übertreibung ist, was geschrieben wird. Denn warum sollte man überhaupt etwas schreiben? 
 
Von diesen Nebelbomben abgesehen - und hiermit breche ich mein kleines Bekenntnis ab - kann das Schreiben dazu dienen, sich die eigene Entwicklung durchsichtig zu machen. Wer regelmäßig schreibt, kann anhand seiner Aufzeichnungen nachvollziehen, warum er steht, wo er steht (bereits nach etwa drei Tagen behandele ich meine Texte wie ein Historiker, der Quellen sichert). Schopenhauers Diktum, dass alle Dinge herrlich zu sehn, aber schrecklich zu sein seien, lässt sich auch auf unsere Vergangenheit übertragen. Wer vermöchte heute schon zu sagen, zu welch rührigem Gegenstand seine soeben herausgeschriene und dann aufgeschriebene Verzweiflung einmal in seiner Erinnerung werden wird? Das klassische Instrument des Vergegenwärtigens ist das Tagebuch. Um das Realitätsprinzip etwas zu lüften und den Identitätszwang aufzubrechen, bieten sich auch narrative Textsorten an. 
 
Nicht immer ist man bereit, eine Regung oder einen Gedanken als zu sich gehörig gelten zu lassen. Für diesen Fall empfiehlt sich das narrative Schreiben. Denn immer wird man über das Geschriebene sagen können: Nicht ich spreche hier, sondern jemand anderes. In allem Erzählten finden sich biographische Beimengungen, aber ebenso Masken, falsche Häute und verwischte Spuren. Es ist bekannt, dass sich Goethe den innwendigen Überdruck von der Seele nahm, als er den Werther schrieb. Werther musste sterben, damit Goethe leben konnte. Es erscheint allemal vernünftiger, einen Doppelgänger zu opfern, als sich selbst. Einige Leser Goethes, junge unglückliche Männer vor allem, zogen es hingegen vor, Werther in den Tod nachzueifern. Ihnen fehlte offenbar das Ventil. Und was wäre aus Thomas Mann geworden, wenn ihm das Talent zur eleganten Prosamaschine abgegangen wäre? Die Beantwortung dieser und ähnlicher (denn die Namen sind austauschbar) Fragen bedeutete wohl zu wissen, was Thomas Mann gewesen wäre, wenn er nicht Thomas Mann gewesen wäre. 
 
Zum Einen nützt das Schreiben, um sich seiner Identität zu versichern. Damit hat es eine stabilisierende Wirkung. Andererseits droht, wer schreibt, in eine Parallelwelt zu geraten, wenn er sich auf seine erzählerische Identität versteift. Bekannt ist, dass Kafka Felice Bauer, seiner Verlobten, schrieb, er sei Literatur. In der Forschung kursiert sogar die Auffassung, Kafka habe sich nur auf Felice eingelassen, um jemanden zu haben, dem er Briefe schreiben konnte. Nun ist Kafka sicherlich eine extreme Figur und deshalb kein gutes Beispiel. Wenden wir uns also dem Philosophen Bieri zu, der mit einigen Romanen auf sich aufmerksam gemacht hat. Er schreibt: „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst die Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“ Das Schreiben ist eine von vielen Möglichkeiten, sich auszudrücken. Dabei ist fraglich, inwiefern das, was man schließlich als Text vor sich hat, tatsächlich zur Selbsterkenntnis beiträgt. Bieri ist Optimist und ein Vertreter sonniger Rationalität. Ohne weiteres ließe sich indes fragen, ob nicht die „stilistische Individualität“, wie er sie nennt, nur auf dem Papier oder dem Bildschirm existiere. 
 
Immerhin kann ich eine gewisse Distanz zu dem gewinnen, was ich geschrieben habe (und womöglich bin). Wer seine alten Texte durchliest, wird sich oft die Hände über den Kopf zusammenschlagen müssen. Ist es nicht erstaunlich, dass sich jemand dem, was er vor Jahren noch für unbestreitbar gehalten hat, heute nur noch mit einer gewissen Ironie zu nähern vermag? Gleichzeitig bleibt er befangen und kann seine Texte nicht so beurteilen, als ob sie ein Fremder geschrieben hätte. Man kann den Wert des Geschriebenen, dessen Schätzung von ohnehin höchst subjektiven Kriterien abhängt, schwerlich erkennen, erst recht, wenn man selbst der Autor ist. Denn man weiß ja, was man sagen wollte, man hat den privilegierten Zugang zum Eigentlichen, zum Gemeinten des Textes, als dessen Ausdruck man ihn deutet. Selbstkritik ist eine schmutzige Sache, weil man immer noch ein wenig derjenige ist, über den man sich hermacht. Was für den Außenstehenden nach belanglosen Nabelspielen aussehen mag, kann sich für den schreibend Befangenen zu einem moralischen Problem auswachsen. Was wohl nicht so wäre, wenn das Schreiben nichts mit Selbsterkenntnis zu tun hätte. Also Punkt für Bieri.

Das Schreiben ermöglicht es dem Schreibenden, dem trübe dahinplätschernden Erlebnisstrom eine individuelle Form aufzuprägen, sich die Erfahrung anders anzueignen als jemand, an dem das Leben vorüberrauscht. Wenn es zutrifft, und die Zeichen für diese These verdichten sich, dass unsere Wahrnehmung in der Sprache fundiert ist, könnte das Schreiben auch als eine Art Wahrnehmungstraining verstanden werden.

Abschließend nun sei gefragt, was einen guten Text ausmache. Woher kann ich als Schreibender wissen, dass es irgendeinen Wert hat, was ich schreibe? Dass dieser Wert nur ein subjektiver sein kann, ist Gemeingut. Doch diese Subjektivität ist etwas, das sich mit den Mitteln der Sprache formen und bearbeiten lässt. Der Mensch ist nicht interessant, solange er nur so ist, wie er ist. Die goethische Weise der Weltbetrachtung etwa ist durch und durch stilisiert, ohne deshalb gekünstelt zu sein. Wer liest, hört die Stimme des Autors. Die Aufgabe des Autors, wie ich sie verstehe, besteht darin, an seiner Stimme zu arbeiten, sie zu modellieren und zu pflegen, bis sie ganz die seine ist. Damit will ich nicht sagen, dass man die Sprache völlig beherrschen könne. Einen einzigartigen Stil zu kreieren, sehe ich nicht als primäres Ziel an. Aber ein geschärftes Bewusstsein für das Wie des Schreibens in all seinen Formen - und damit auch für die Unmenschlichkeiten, die es lieben, ihre Eier in Dummheiten zu legen und zwischen den Zeilen auszubrüten - tut uns allen not. Denn das noch etwas geschrieben wird, ist klar, auch wenn diesem Geschriebenen die Bedeutung fehlt und fehlen muss, die über den Tag hinausreichte, und zwar mit traurig-unausweichlicher Notwendigkeit.
Oder gibt es da draußen etwa immer noch Leute, die noch große Kultur spielen? Ohne Abstriche? Mit dem ganzen selbstzerstörerischen Ernst?

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