Montag, 9. Juli 2012

Was ist Philosophie? (Zamzow)

von Karsten Zamzow 

   

Die Frage danach, was Philosophie sei, suggeriert, dass es so etwas wie die Philosophie gebe. Das Erste, was dem jungen Menschen jedoch auffällt, wenn er sich der Philosophie zuwendet, ist die Vielfalt der philosophischen Strömungen. Lässt sich ein Kriterium (oder mehrere) ausmachen, das von all diesen Strömungen erfüllt wird? Zu bedenken gibt, dass sich verschiedene philosophische Schulen gegenseitig das Existenzrecht absprechen, was darauf hinzuweisen scheint, dass jemand, der von der Philosophie spricht, dies nur aus einer harmonisierend-oberflächlichen Außenperspektive tun kann. Die Beantwortung der Ausgangsfrage wird davon abhängen, ob es mir gelingt, das alle Philosophien Verbindende herauszuarbeiten, ohne sie für diesen Eingriff zu verstümmeln und zurechtzufälschen. Ist ein solches Unterfangen möglich? Kann man sich mit dieser Frage beschäftigen, ohne nicht schon zu philosophieren, also auch schon auf eine gewisse Weise zu philosophieren? Worauf könnte sich diese Weise wiederum zurückführen lassen? Es hilft nichts, ich werde selbst einen Begriff von Philosophie entwickeln müssen. Die Vorstellung, man könne alle philosophischen Strömungen abklappern, um so den Begriff der Philosophie gewissermaßen empirisch zu eruieren, ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.

Ich möchte damit beginnen, dass ich danach frage, was einen sogenannten Philosophen von einem intelligenten Menschen ohne Philosophie unterscheidet. Während der Wert der Intelligenz als unbezweifelt dasteht und viele Eltern den größten Wert darauf legen, dass ihr Kind eine gute Schule besucht, gilt die Philosophie eher als suspekt, obwohl kaum jemand die These vertreten dürfte, dass Philosophen dumm seien. Im Gegenteil: Sie scheinen zu sehr damit beschäftigt, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich gedanklich in sie hineinzuwühlen, so dass ihnen über dieser ihrer Beschäftigung das Leben entgleitet. Man denke nur an das Lachen der thrakischen Magd über Thales, einen der ersten großen Philosophen, der, ganz in die Betrachtung des Sternenhimmels vertieft, in einen Brunnen fiel. Dieses thrakische Lachen ist niemals ganz verklungen. Oft frage ich mich auch: Was tue ich hier eigentlich? Beispielsweise in einem Seminar über Heideggers Sein und Zeit im letzten Wintersemester. Das ist ja alles ganz interessant, was ihr da über die Weltlichkeit von Welt erzählt, aber ...

In der Tat scheint die Philosophie zu nichts nütze zu sein. Oder anders: Ihr Nutzen ist nicht so augenscheinlich wie etwa der der Betriebswirtschaftslehre. Das liegt daran, dass die Philosophie, im Gegensatz zu den Wissenschaften, keinen festen Gegenstand hat. Sie verändert nichts als eben den Menschen, der philosophiert, während sich die Wissenschaften, in Form der Technik, dazu nutzen lassen, die Welt praktisch umzugestalten. Sicherlich wird ein philosophisch gebildeter Mensch anders handeln als jemand, dem es nur um Profitmaximierung geht. Ich denke aber nicht, dass er deshalb philosophiert, um anders zu handeln, sondern um sich vor allem klar darüber zu werden, warum er handelt, wie er handelt. Auch die sogenannte praktische Philosophie ist Theorie. Sie liefert die theoretischen Grundlagen für ein gutes Handeln. Handeln muss der Mensch immer noch selbst. Kant sagt zwar, dass es unter allen Umständen unmoralisch sei, zu lügen. Damit gibt er jedoch keine stupide Handlungsanweisung, kein "Du sollst". Denn die Forderung, nicht zu lügen, hängt auf's Engste mit Kants Moralphilosophie zusammen und ist ohne diese nicht zu verstehen (Stichwort kategorischer Imperativ).

Philosophie ist also Theorie. Mit dieser Bestimmung lässt sich, denke ich, ihr zweifelhafter Ruf erklären. Vielleicht ist an dieser Stelle ein Vergleich angebracht. Man stelle sich einen Touristen vor, der vor der Wand eines Schlosses steht, so nah, dass er sich beinahe die Nase an dem alten Ziegelsteinen eindrückt. Der Aufforderung, doch bitte etwas zurückzutreten, um die Schönheit des Schlosstores besser bewundern zu können, kommt er gerne nach. Der Philosoph ist nun mit jemandem zu vergleichen, der bis in den rund dreihundert Meter entfernten Schlosspark geht, um das Schloss in seiner Gesamtheit überblicken zu können. Dort liegt viel Müll herum und auf die vollgesprühte Bank mag er sich nicht setzen. Doch er ist froh, das Schloss in seiner Totalität zu sehen, wie er der Krähe anvertraut, die ihm ihre Gunstbezeigung auf den Kopf setzt. Wie jeder Vergleich hinkt auch dieser. Doch glaube ich, das Eigentümliche der philosophischen Betrachtung illustriert zu haben, das darin besteht, den Dingen näher zu kommen, indem man von ihnen Abstand nimmt. Unser Philosoph wird der letzte sein, der das Schlosstor durchschreitet, in diesem Sinn ist sein Tun weltfremd, unpraktisch. Aber gerade dieser Abstand ermöglicht es ihm, über das Schloss Aussagen zu treffen, die jemandem, der direkt vor diesem steht, nicht möglich wären.

Und warum ist dieser Betrachter aus der Ferne nun ein Philosoph und nicht etwa ein Architekt? Ich denke, dass sich der Philosoph dadurch zu erkennen geben wird, dass er eine bestimmte Sprache spricht, die nicht umittelbar einleuchtet, also gelernt werden muss. Nun ist dieser Umstand an und für sich noch nichts Besonderes, denn jede Wissenschaft prägt ihre eigene Sprache. Das Besondere philosophischer Begriffe besteht indes darin, dass sie Erschließungskategorien sind, die keinen festen Anwendungsbereich haben. Wenn der Architekt über seine Tätigkeit redet, wird er den engen Raum seines Gesichtskreises nicht überschreiten können, ohne dass seine Rede ihres Sinnes verlustig ginge. Es lässt sich schlecht Kosmologie treiben, wenn man nur von Dachböden reden kann. Der Philosoph hingegen vermag grundsätzlich über alles zu reden, ein Umstand, der ihm viele böse Blicke einhandeln kann. Denn er weiß in der Regel nicht besonders viel, was die Fakten angeht, hat jedoch ein ausgeprägtes Gespür dafür, ob Begrifflichkeiten widerspruchslos verwendet werden, Argumentationen schlüssig sind etc. Man denke nur an die Diskussionen über die Hirnforschung.

Was ich oben Erschließungskategorie genannt habe, ist ein anderes Wort für Begriff. Und hiermit sind wir bei einer weiteren Besonderheit des philosophischen Denkens. Denn Philosophie erschöpft sich nicht darin, Fehler und Unklarheiten aufzuspüren: sie ist ebenso ein schöpferisches Unterfangen, eine Kunst. Deleuze sagt, dass Philosophie die Kunst sei, Begriffe zu erfinden. Damit trifft er einen wichtigen Punkt, auch wenn die Polemik nicht übersehen werden darf, die in dieser Definition steckt. Was die Rede der Philosophen so unverständlich macht, sind ihre Begriffe, die in der Regel nicht zum allgemeinen Wortschatz gehören. Jeder Philosoph verfügt über seine eigene Begrifflichkeit. So spricht Platon von den Ideen, Kant von den synthetischen Urteilen a priori, Nietzsche vom Willen zur Macht - lauter begriffliche Kunstwerke! Philosophische Begriffe spielen jedoch auch im Selbstverständnis eines jeden Menschen eine nicht unwesentliche Rolle. Lebe ich frei oder fremdbestimmt? Dürfen wir den Einwanderern eine menschenwürdige Behandlung vorenthalten? Lässt es sich ethisch vertreten, Tiere zu Konsumzwecken zu töten?

Ob Freiheit, Menschenwürde oder Ethik: all diese Begriffe erhalten ihren Sinn einzig dadurch, dass man über sie diskutiert. Sie existieren ausschließlich in der Sprache. Es gibt keinen empirisch fassbaren Gegenstand, der ihnen entspräche. Das Besondere der Philosophie scheint mir darüber hinaus zu sein, dass sie nach der Bedingung der Möglichkeit fragt. Also: Wie ist Freiheit, wie Menschenwürde, wie Ethik möglich? Ja vielleicht ließen sich sogar alle philosophischen Fragen auf die folgende zurückführen: Wie ist etwas möglich? Wobei für "etwas" alles nur Erdenkliche eingesetzt werden kann. In diesem Punkt bin ich mir jedoch unsicher. Was ich zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass der Philosoph die Welt in erster Linie nicht als etwas Wirkliches, sondern als etwas Mögliches betrachtet, also als etwas, das auch anders sein könnte. Ich denke, dass jede Betrachtungsweise, die sich darauf beschränkt, bloß das vermeintlich Gegebene zu berücksichtigen, die menschliche Wirklichkeit verfehlen muss. Denn der Mensch ist eine eigentümliche Synthese aus Freiheit und Faktizität. Wer die Freiheit überbetont, vernachlässigt die Bedingtheiten seines Handelns. Und wer alles Treiben auf die Faktizität zurückführt, hat es nicht mehr mit Menschen, sondern anthropomorphen Automaten zu tun.

Da huschte er kurz vorbei, der Mensch. Welche Bedeutung kommt der Philosophie für den Philosophierenden zu? Oben schrieb ich, dass die Philosophie nichts verändere als denjenigen, der philosophiert. Wie kann das sein? Ich denke, dass Philosophie als ein Denken verstanden werden kann, das den Menschen in seinem ganzen Sein umtreibt. Er beschäftigt sich nicht mit Detailfragen oder Problemen seines tagtäglichen Fortkommens, sondern stellt sich gleichsam vor sich selbst hin, um sich und alle Dinge zu befragen. Darin, dass das philosophische Denken auf's Ganze geht, ähnelt es dem Gebet. Sicherlich kann man auch einen weniger emphatischen Begriff des Philosophierens vertreten, doch denke ich, dass alles ursprüngliche Philosophieren damit beginnt, dass sich der Mensch wundert und erstaunt in eine Welt blickt, die ihm bisher als das Allerselbstverständlichste gegolten hat. Der Blick des Philosophen ist der Blick eines Fremden. Seine Sehnsucht ist, eines Tages zurückzukehren und sich wieder heimisch zu machen, geläuterter, gelassener, selbst gleichgültiger, nachdem er seinen langen Lauf vollendet hat, seinen Lauf durch den Geist. Wird er jemals ankommen?

Das eine ist das Philosophieren, das andere die Philosophie: das, was sich gewissermaßen abgelagert hat. In Büchern, Institutionen, Vorurteilen. In der Antike blickten die Philosophen verächtlich auf die Sophisten, weil diese für ihre Weisheiten Geld verlangten. Heute haben wir es mit Berufsphilosophen zu tun, die davon leben, was sie denken. Aus diesem Umstand ergeben sich eine ganze Reihe von Problemen, die mit dem eigentlichen Philosophieren, wie ich es verstehe, nichts zu tun haben. So wagte es etwa im letzten Wintersemester ein Student, die Ergebnislosigkeit der Philosophie zu kritisieren. Er wollte Resultate sehen, handfeste. Ich weiß nicht, ob sein Einwand unbedingt als unberechtigt zurückgewiesen werden muss, was mir aber übel aufstieß, war die Reaktion der Dozentin. "Dann müssen Sie sich ernsthaft fragen, warum sie Philosophie studieren. Wozu sitzen Sie eigentlich hier?" So fragt jemand, der sein Revier gegen Eindringlinge abzuschirmen drängt, jemand, der meint, etwas zu sein, eben eine Philosophin. Nichts dünkt mir törichter, als sich für einen Philosophen zu halten. Ich ziehe es vor, jemand zu sein, der philosophiert, ohne Philosoph, und der schreibt, ohne Schriftsteller zu sein. Das ist eine Frage der Souveränität. Wer Philosoph ist, muss immer denken und zu allem Überfluss auch noch als Parteimann oder -frau auftreten. Nur so kann ich mir Aussagen wie die meiner Dozentin erklären. Das ist mein Brot nicht.

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