von Mathias Assmann (Link: rescogitans.de)
Etymologische Herangehensweise und Grenzen
Jeder Schüler, der Philosophie in der Schule hatte, weiß, was Philosophie ist: Die Liebe zur Weisheit. Etymologische Stichworte: Griechischer Herkunft, Philos = Freund, Sophia = Weisheit. Danke. Thema abgehakt.
Fragt man Menschen, die sich intensiv mit dem befassen, was Philosophie ist, ist die Antwort häufig komplexer und meist individuell verschieden. Klar, die Etymologie bietet beim Wort Philosophie erste Anhaltspunkte und kann einem oft helfen, wenn man die Bedeutung eines unbekannten Wortes aufklären möchte z.B., wenn man als Jugendlicher wissen möchte, was Biologie ist: Biologie ist die Wissenschaft (logos= Wort/Lehre, bios= Leben) vom Belebten. Bei Philosophie gestaltet sich eine etymologische Herangehensweise allerdings als schwieriger, da zum einen der Ausdruck „Sophia“ auf unterschiedlichste Begriffe verweist und zum Anderen die Philosophie geschichtlich unterschiedlichste Methoden und Anwendungsgebiete entwickelt hat und es verschiedene Philosophie-Begriffe gibt, die teilweise Schnittmengen haben, sich teilweise aber auch gegenseitig ausschließen.
Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein. Sophisten im antiken Griechenland unterrichteten unterschiedlichste Fächer und wurden von Platon deutlich von Philosophen abgegrenzt. Auch ein goethischer Faust, der jeglicher Lehre abgeschworen hat und im Taumel des Lebens fernab vom Gelehrten-Dasein erkennen möchte, was das Mensch-Sein ausmacht, kann als Philosoph betrachtet werden. Also: Eine rein etymologische Herangehensweise reicht zur Begriffsklärung nicht aus.
Geschichtliche Herangehensweise und Grenzen
Geschichtlich kann man den Anfang der Philosophie bei den Vorsokratikern verorten. Diese Denker versuchten im Gegensatz zu religiösen Denkern das Weltgeschehen nicht auf Beseeltes (Animismus), sondern auf universale Prinzipien zurückzuführen. So kann man hier auch den Anfang der Naturwissenschaft sehen. Diese Naturphilosophen interessierten sich meist nicht für praktische Philosophie, nicht für Ethik oder die Frage, was man tun soll, sondern dafür, wie die Welt funktioniert. Der grundlegende Unterschied zur heutigen Naturwissenschaft lag in der Methodik, denn das Denken der Vorsokratiker war eher hermeneutisch als empirisch geprägt.
Mit Sokrates wurde schließlich die Frage der praktischen Philosophie wichtig, was das gute Leben sei. Sokrates war weniger Naturphilosoph als ein Mann, der an ethischen Fragen interessiert war. Seine Methode war die Mäeutik, ein Versuch, durch Fragen zu Erkenntnissen zu gelangen. Außerdem kann man ihn als Begründer eines methodischen Skeptizismus betrachten, wenn er sagt, dass er wisse, dass er nichts weiß. Trotz der Unterschiede nennen wir heute sowohl die Vorsokratiker als auch Sokrates Philosophen.
Mit Platons Akademie – Platon war Schüler des Sokrates – schließlich, einer Lehranstalt für Teile der Athener Oberschicht, kann man Philosophen als Universalgelehrte betrachten. Zwar waren auch schon die vorsokratischen Pythagoreer und Thales große Mathematiker, doch an der Akademie wurden erstmals unterschiedlichste Wissensgebiete unter dem Dach der Philosophie gelehrt. Ein Philosoph der Akademie war nicht bloß Ethiker, Metaphysiker und Erkenntnistheoretiker, sondern meist auch Wissenschaftler im damaligen Sinne.
Während des christlichen Mittelalters war die Philosophie im Wesentlichen die Magd der Theologie. Sie beschäftigte sich mit Gott und einem gottgefälligen Leben. Zugleich wurde sie an den ersten Universitäten, die aus christlichen Klosterschulen hervorgegangen sind, als Metadisziplin etabliert.
Während der Neuzeit, als sich Wissenschaft und Philosophie vom Christentum emanzipierten, wurden Ideen der Antike aufgegriffen und weiterentwickelt, sowie der Philosophiebegriff neu bestimmt. Im 18. Jahrhundert nennt Kant vier Grundfragen der Philosophie: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ Die letzte Frage beinhaltet die ersten drei. Insbesondere die ersten beiden Fragen scheinen heute noch konstituierend zu sein. Die kantische Trennung von Theorie und Praxis bestimmt auch heute die Studienstruktur. Theoretische Philosophie beschäftigt sich hauptsächlich erkenntnistheoretisch mit der Frage „Was kann ich wissen?“ und praktische Philosophie mit der Frage „Was soll ich tun?“, wobei hier auch gesellschaftliche und politische Perspektiven impliziert sind.
Im 20. Jahrhundert betrachtete Wittgenstein die Philosophie als Krankheit. Probleme der Philosophie seien entweder wissenschaftliche Probleme oder Scheinprobleme. Eine Analyse der Sprache soll laut der Meinung mancher analytischer Philosophen die Scheinprobleme auflösen. Hieraus hervorgegangen ist die analytische Philosophie, doch diese transzendiert heute häufig die Wittgenstein’sche Auffassung der Philosophie als Krankheit. Manche analytische Philosophen verfolgen sogar transzendentalphilosophisch-kantische Ansätze. Wichtig erscheint auf jeden Fall der sprachkritische Zug des 20. Jahrhunderts. Philosophie ist hier häufig eine hermeneutische Analyse der Sprache. Handlungstheorie beispielsweise beschäftigt sich aus sprachlicher Perspektive mit Fragen des freien Willens und von Handlungen. Aus der Erkenntnistheorie ist die Wissenschaftstheorie hervorgegangen, die fragt, wie Wissenschaft funktioniert und wie sich Wissenschaft von Pseudowissenschaften, Kunst und Praxis abgrenzt. Sie wird häufig auch in anderen Wissenschaften gelehrt oder behandelt, so ist sie Grundlage psychologischer Theoriebildung, ohne dort als genuin philosophisch betrachtet zu werden.
Die geschichtliche Herangehensweise kann einem sicherlich manchen Aufschluss geben, doch auch sie bietet Tücken, denn an der dargelegten Entwicklung lässt sich erkennen, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen sind oder Aspekte ausgelagert wurden, so dass man die Frage danach, was Philosophie ist, nicht rein historisch klären kann.
Methodische Herangehensweise und Grenzen
Vergleicht man die philosophische Methodik mit der Methodik der Naturwissenschaft, so erkennt man, dass die Philosophie meist nicht mit empirischen Messdaten operiert. Die Philosophie nutzt eher keine mathematische Modellbildung, sondern ist als Metadisziplin denkbar. Sie fragt, was das Denken macht und bedeutet. In der Philosophie beschäftigt sich das Denken zu einem Großteil unabhängig von Erfahrung mit sich selbst. Die Philosophie klärt Begriffe und versucht in der Metaphysik, das Bild, das die naturwissenschaftliche, aber auch geisteswissenschaftliche und alltägliche Empirie malt, in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie fragt danach, ob es einen Gott gibt, wie Wissenschaft funktioniert und in der Ethik, was gut ist. In vielen Bereichen hat sie Berührungspunkte mit Religionen, die das Weltganze in einen größeren Zusammenhang des Glaubens stellen, doch im Unterschied zu Religionen ist die Philosophie ergebnisoffen. Mit Glaubenssätzen wird eher gespielt, als dass sie als unumstößlich anerkannt werden, doch gibt es auch religiöse Philosophien.
Aufgrund der etymologischen Herangehensweise und des historischen Wandels ist aber auch die methodologische Begriffsklärung allein nicht sinnvoll. Philosophie entzieht sich einer einfachen Begriffsbildung und die Antwort auf die Frage, was Philosophie ist, ist selbst Philosophie und abhängig von eigenen Werten und Interpretationen. Vielleicht gibt es bald auch empirisch ausgerichtete Philosophen.
Pluralismus und eigene Perspektive
Philosophischer Versuch: Philosophie ist eine pluralistische, leidenschaftliche Disziplin des Denkens, des Staunens und der Praxis mit unterschiedlichster Methodik und Zielsetzung. Geschichtlich und methodologisch ist sie eine akademische Metadisziplin und die Mutter aller Wissenschaften. Auch heute wäre sie als Studium Generale sinnvoll. Häufig geht sie mit einem großen Wunsch danach einher, die Welt und das Mensch-Sein selbst zu verstehen und alles in einen Zusammenhang und eine Ordnung zu bringen. Sie hat Berührungspunkte mit allen Wissenschaften, Kunst, Literatur, aber auch mit Religion und Ethik. Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck. Ein Philosoph nutzt nicht nur Erkenntnisse, sondern er liebt die Wahrheit auch dann, wenn sie keinen Nutzen hat. Philosophie hat verschiedene Strömungen und ist häufig Ausdruck von individuellen Lebensgefühlen. Philosophie kann streng logisch, logikfeindlich oder beides zugleich sein. Philosophie ist mit jeder anderen Disziplin und mit dem alltäglichen Leben zu verknüpfen. Ob es sportliche/helfende/technische Praxis, Natur-, Geisteswissenschaft oder Kunst ist: Die Philosophie lässt sich mit all diesen Bereichen verbinden. Auch ein Mensch, der sich nie akademisch mit Philosophie beschäftigt hat, kann ein großer Philosoph sein und sich selbst beispielsweise in individuellen Selbsterfahrungen suchen. Aufgrund der Reichweite der Philosophie muss jeder Mensch selektieren und es wäre einfältig, einen Philosoph nach seinem akademischen Abschluss oder denkerischen Können zu beurteilen, auch wenn ein Philosophie-Studium oft auf philosophisches Interesse verweist. Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens. Popper sagt, dass jeder Mensch ein Philosoph sei, das ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber fast jeder Mensch hat das philosophische Potential, sich um Weisheit zu bemühen, wobei ich bewusst offen lasse, was Weisheit ist.
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