Mittwoch, 11. Juli 2012

Rezension (Assmann)

zu Karsten Zamzows Essay "Was ist Philosophie?"

Eine Kritik oder Rezension eines Essays ist ein schwieriges Unterfangen, denn es geht in einem Essay, wenn nicht die Form akademischer Arbeit, sondern die literarische Gattung gemeint ist, nicht um abfragbares Wissen. Neben Stringenz und formalen Kriterien ist insbesondere auch Kreativität und Originalität wichtig. Fast fühle ich mich beim Schreiben einer Rezension zu Karsten Zamzows Essay wie ein Deutsch-Lehrer, der eine Arbeit bewertet. Ich merke gleich: Ich könnte kein Lehrer in einem geisteswissenschaftlich-orientierten Fach sein. Bei Mathematik ist es für einen geübten Mathematiker einfach, fair zu sein, da es klare, eindeutig operationalisierbare Kriterien für richtig und falsch gibt. Die Bewertung eines Essays zum Thema, was Philosophie sei, muss aber notwendig subjektiv sein und läuft immer Gefahr, unfair zu sein. Schon meine Wahrnehmung ist durch meine eigene Perspektive bestimmt. Wenn Einstein sagt, dass die Theorie bestimmt, was wir beobachten können, so ist das für die Geisteswissenschaften und Künste fast noch wichtiger als für die Naturwissenschaften. Sicherlich könnte ich streng versuchen, allgemeine Bewertungskriterien zu finden, aber selbst die Auswahl dieser Kriterien wäre subjektiv, deshalb nehme ich von der Lehrerperspektive Abstand und schreibe eine bewusst subjektive Rezension, die exegetisch angereichert ist:
Soll ich mit einer reinen Inhaltsangabe anfangen? Nein, denke ich mir! Wer diese Rezension liest, kann auch den Essay selbst lesen und verstehen!
Gleich zu Anfang weist Karsten Zamzows auf die Inkommensurabilität verschiedener Philosophie-Begriffe hin und folgert, dass er einen eigenen Philosophie-Begriff entwickeln müsse. Das weckt insbesondere das Interesse von Lesern, die schon eine Vorstellung von Philosophie-Begriffen haben und neue Akzente kennen lernen möchten. Das gilt auch für mich. Ich möchte weiterlesen!
Er stellt dar, dass der Nutzen von Philosophie subtil ist, nicht augenscheinlich. Ein Philosoph betrachte die Welt aus einer globalen Perspektive und sei eher ein Sonderling, über den so mancher lacht. Dies scheint auch der Etymologie zu entsprechen, denn das griechische Philos verweist in manchen Wörtern auf jemanden, der sich so sehr für etwas interessiert, dass es manch anderen skurril erscheint. Ja. Vielen Menschen erscheinen Philosophen wie Freaks. „Was Du studierst Philosophie?“ „Was macht man denn damit?“ „Und was wird man damit?“ „Hältst Du Dich für etwas Besseres?“ Es erscheint vielen unverständlich, dass man seine Geisteskraft in ein Fach investiert, dass als trocken und verschroben gilt und mit dem man später höchst wahrscheinlich nicht allzu viel Geld verdienen kann. Manche werten philosophisches Interesse auch als Arroganz, manche sogar als gefährlich oder krankhaft. Philosophie, das ist reine Intellektualisierung, denkt sich vll. mancher Tiefenpsychologe. Das mag teilweise stimmen. Doch schon Freud hat darauf verwiesen, dass die Genese einer Geistesanschauung wenig bis nichts über deren Korrektheit aussagt.
Ein Philosoph betrachte die Welt mit einigem Abstand – schön allegorisch dargestellt – und Philosophie sei, auch als praktische Philosophie Theorie, schreibt Zamzow. Hier kann ich folgen, möchte aber auch anmerken, dass man genauso sagen könnte, dass auch theoretische Philosophie immer Praxis ist: Jedes Denken braucht ebenso wie eine andere Handlung Zeit, für deren Verwendung sich entschieden wird. Das Denken bereitet außerdem oft eigene Handlungen vor und wird es publiziert, so bekommt es eine gesellschaftliche oder sogar politische Funktion
Weiter schreibt Zamzow, dass der Philosoph eine eigene Sprache spricht und Begriffe erschließt. Hier liegt meiner Ansicht nach etwas Wichtiges verborgen, denn die Philosophie erschließt Begriffe und Begriffe erschließen unsere Welt. Philosophie ist somit auch Welterschließung, außerdem verweist er auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von etwas. Hier zeigt sich kantischer und analytischer Einfluss und ich gehe voll und ganz d’Accord. Über die empirische Fassbarkeit möchte ich kantisch noch einmal erwähnen, dass die Begriffe, selbst wenn sie sehr abstrakt sind, sich auf Anschauungen beziehen und diese Ordnen. Die Begriffe haben eine Ordnungsfunktion im Empirischen. Selbst Wörter wie „Kausalität“ und „Gott“ beziehen sich auf die sinnlich wahrnehmbare Welt.
Zamzows Aussage, dass der Philosoph die Welt zunächst als Mögliches betrachtet, verweist auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und auch auf den Existentialismus. Sie ist ein Hinweis darauf, dass die Philosophie kreativ ist. Ein Philosoph ist in die Kontingenz geworfen. Er zweifelt an Autoritäten, er bekommt keine Methodologie vorgegeben, der er notwendig folgen muss, sondern er denkt über den Tellerrand hinaus und schafft sich seine eigenen Interpretationen. Seine Vernunft ist nicht rein instrumentell.
Weiter schreibt Zamzow, dass ein Philosoph auf der Suche nach Orientierung und Sinn ist. Dies erscheint für manche Philosophie-Begriffe zentral. Ein Nicht-Philosoph springt aus dem Absurden, würde Camus sagen: Ab in die Religion oder in irgendeine geordnete Weltanschauung. Der Philosoph dagegen liebt Welten, die nicht fundamental geordnet sind, da er die meisten Ordnungsversuche als Scheinlösungen betrachtet. Philosophischer Diskurs ist infinit denkbar und so könnten Milliarden Essays folgen. Nahezu jeder dürfte es wert sein, gelesen zu werden, doch vermutlich wird niemand die Frage nach dem Wesen der Philosophie je abschließend beantworten. Zamzow ist sich dessen bewusst und schafft mit seinem Essay eine eigene persönliche Perspektive, die ich gerne gelesen habe, auch wenn ich nicht finde, dass die Bezeichnungen Schriftsteller und Philosoph notwendig etwas Elitäres haben müssen. Ob jemand in der Tonne oder im Penthouse wohnt, mag politisch bedeutsam sein, aber die Philosophie sollte unabhängig davon inhaltlich betrachtet werden. Berufsphilosophie ist für mich eher deshalb ein Problem, weil sie dazu führt, dass eine Metadisziplin zur Fachdisziplin wird. Philosophie sollte nicht ausgelagert werden, sondern in Diskurse integriert sein.

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