zu Karsten Zamzows Essay "Was ist Philosophie?"
Eine Kritik oder Rezension eines Essays ist ein schwieriges
Unterfangen, denn es geht in einem Essay, wenn nicht die Form
akademischer Arbeit, sondern die literarische Gattung gemeint ist, nicht
um abfragbares Wissen. Neben Stringenz und formalen Kriterien ist
insbesondere auch Kreativität und Originalität wichtig. Fast fühle ich
mich beim Schreiben einer Rezension zu Karsten Zamzows Essay wie ein
Deutsch-Lehrer, der eine Arbeit bewertet. Ich merke gleich: Ich könnte
kein Lehrer in einem geisteswissenschaftlich-orientierten Fach sein. Bei
Mathematik ist es für einen geübten Mathematiker einfach, fair zu sein,
da es klare, eindeutig operationalisierbare Kriterien für richtig und
falsch gibt. Die Bewertung eines Essays zum Thema, was Philosophie sei,
muss aber notwendig subjektiv sein und läuft immer Gefahr, unfair zu
sein. Schon meine Wahrnehmung ist durch meine eigene Perspektive
bestimmt. Wenn Einstein sagt, dass die Theorie bestimmt, was wir
beobachten können, so ist das für die Geisteswissenschaften und Künste
fast noch wichtiger als für die Naturwissenschaften. Sicherlich könnte
ich streng versuchen, allgemeine Bewertungskriterien zu finden, aber
selbst die Auswahl dieser Kriterien wäre subjektiv, deshalb nehme ich
von der Lehrerperspektive Abstand und schreibe eine bewusst subjektive
Rezension, die exegetisch angereichert ist:
Soll ich mit einer reinen Inhaltsangabe anfangen? Nein, denke ich mir!
Wer diese Rezension liest, kann auch den Essay selbst lesen und
verstehen!
Gleich zu Anfang weist Karsten Zamzows auf die Inkommensurabilität
verschiedener Philosophie-Begriffe hin und folgert, dass er einen
eigenen Philosophie-Begriff entwickeln müsse. Das weckt insbesondere das
Interesse von Lesern, die schon eine Vorstellung von
Philosophie-Begriffen haben und neue Akzente kennen lernen möchten. Das
gilt auch für mich. Ich möchte weiterlesen!
Er stellt dar, dass der Nutzen von Philosophie subtil ist, nicht
augenscheinlich. Ein Philosoph betrachte die Welt aus einer globalen
Perspektive und sei eher ein Sonderling, über den so mancher lacht. Dies
scheint auch der Etymologie zu entsprechen, denn das griechische Philos
verweist in manchen Wörtern auf jemanden, der sich so sehr für etwas
interessiert, dass es manch anderen skurril erscheint. Ja. Vielen
Menschen erscheinen Philosophen wie Freaks. „Was Du studierst
Philosophie?“ „Was macht man denn damit?“ „Und was wird man damit?“
„Hältst Du Dich für etwas Besseres?“ Es erscheint vielen unverständlich,
dass man seine Geisteskraft in ein Fach investiert, dass als trocken
und verschroben gilt und mit dem man später höchst wahrscheinlich nicht
allzu viel Geld verdienen kann. Manche werten philosophisches Interesse
auch als Arroganz, manche sogar als gefährlich oder krankhaft.
Philosophie, das ist reine Intellektualisierung, denkt sich vll. mancher
Tiefenpsychologe. Das mag teilweise stimmen. Doch schon Freud hat
darauf verwiesen, dass die Genese einer Geistesanschauung wenig bis
nichts über deren Korrektheit aussagt.
Ein Philosoph betrachte die Welt mit einigem Abstand – schön
allegorisch dargestellt – und Philosophie sei, auch als praktische
Philosophie Theorie, schreibt Zamzow. Hier kann ich folgen, möchte aber
auch anmerken, dass man genauso sagen könnte, dass auch theoretische
Philosophie immer Praxis ist: Jedes Denken braucht ebenso wie eine
andere Handlung Zeit, für deren Verwendung sich entschieden wird. Das
Denken bereitet außerdem oft eigene Handlungen vor und wird es
publiziert, so bekommt es eine gesellschaftliche oder sogar politische
Funktion
Weiter schreibt Zamzow, dass der Philosoph eine eigene Sprache
spricht und Begriffe erschließt. Hier liegt meiner Ansicht nach etwas
Wichtiges verborgen, denn die Philosophie erschließt Begriffe und
Begriffe erschließen unsere Welt. Philosophie ist somit auch
Welterschließung, außerdem verweist er auf die Frage nach den
Bedingungen der Möglichkeit von etwas. Hier zeigt sich kantischer und
analytischer Einfluss und ich gehe voll und ganz d’Accord. Über die
empirische Fassbarkeit möchte ich kantisch noch einmal erwähnen, dass
die Begriffe, selbst wenn sie sehr abstrakt sind, sich auf Anschauungen
beziehen und diese Ordnen. Die Begriffe haben eine Ordnungsfunktion im
Empirischen. Selbst Wörter wie „Kausalität“ und „Gott“ beziehen sich auf
die sinnlich wahrnehmbare Welt.
Zamzows Aussage, dass der Philosoph die Welt zunächst als Mögliches
betrachtet, verweist auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und auch auf
den Existentialismus. Sie ist ein Hinweis darauf, dass die Philosophie
kreativ ist. Ein Philosoph ist in die Kontingenz geworfen. Er zweifelt
an Autoritäten, er bekommt keine Methodologie vorgegeben, der er
notwendig folgen muss, sondern er denkt über den Tellerrand hinaus und
schafft sich seine eigenen Interpretationen. Seine Vernunft ist nicht
rein instrumentell.
Weiter schreibt Zamzow, dass ein Philosoph auf der Suche nach
Orientierung und Sinn ist. Dies erscheint für manche
Philosophie-Begriffe zentral. Ein Nicht-Philosoph springt aus dem
Absurden, würde Camus sagen: Ab in die Religion oder in irgendeine
geordnete Weltanschauung. Der Philosoph dagegen liebt Welten, die nicht
fundamental geordnet sind, da er die meisten Ordnungsversuche als
Scheinlösungen betrachtet. Philosophischer Diskurs ist infinit denkbar
und so könnten Milliarden Essays folgen. Nahezu jeder dürfte es wert
sein, gelesen zu werden, doch vermutlich wird niemand die Frage nach dem
Wesen der Philosophie je abschließend beantworten. Zamzow ist sich
dessen bewusst und schafft mit seinem Essay eine eigene persönliche
Perspektive, die ich gerne gelesen habe, auch wenn ich nicht finde, dass
die Bezeichnungen Schriftsteller und Philosoph notwendig etwas Elitäres
haben müssen. Ob jemand in der Tonne oder im Penthouse wohnt, mag
politisch bedeutsam sein, aber die Philosophie sollte unabhängig davon
inhaltlich betrachtet werden. Berufsphilosophie ist für mich eher
deshalb ein Problem, weil sie dazu führt, dass eine Metadisziplin zur
Fachdisziplin wird. Philosophie sollte nicht ausgelagert werden, sondern
in Diskurse integriert sein.
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