Dienstag, 14. August 2012

Über das Schreiben (Assmann)

 Eine Liebeserklärung an die Redundanz

 von Mathias Assmann (Link: http://rescogitans.de/)

Warum schreibe ich? Diese Frage kann ich sowohl kausal deuten im Sinne von: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ als auch telelogisch: „Was ist der Grund, weswegen ich schreibe.“ Dabei könnte der Grund mein Schreiben sowohl komplett kausal determinieren, als auch mitverursachen. Er könnte aber auch eine reine Rationalisierungsstrategie sein. Die Gründe müssen also nicht die Ursachen sein, sie könnten auch von mir erfunden worden sein, um vor mir ein Verhalten zu rechtfertigen, das gänzlich anders motiviert ist.

Widmen wir uns der ersten Frage: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ Diese Frage lässt sich kaum allgemein beantworten. Psychologisch könnte ich sagen: Durch sehr gute Deutsch-Noten wurde ich zum Schreiben konditioniert. Ich wurde schlicht und einfach fast immer belohnt, wenn ich geschrieben habe. Nun könnte man weitere Ursachen anführen: Soziales Geltungsstreben, Neugierde, Lust an der Verfeinerung der eigene Elaborate, ein intellektuelles Bestreben, einen Gegenstand gedanklich zu durchdringen unter der Zuhilfenahme des geschriebenen Wortes, das den Vorteil eines ausgelagerten Gedächtnisses mit sich bringt. Auch wäre es denkbar, dass das Schreiben selbst einen Zweck für mich bedeutet: Ich schreibe, weil Schreiben mir Zweck ist. Man könnte sich viele psychologische Erklärungen denken: Psychoanalytisch wäre zum Beispiel die Annahme, dass ich Triebe sublimiere oder unliebsame Empfindungen ins Abstrake hinein intellektualisiere. Evolutionspsychologisch könnte man sagen, dass elaborierte Menschen eher überlebt haben. Viele weitere Erklärungen sind denkbar. Bzgl. der zweiten Frage würden nur Gründe herhalten, die bewusst sind, psychoanalytische Erklärungen, die sich auf unbewusste Kausalitäten beziehen, würden hier ausscheiden und partiell ausgelagert werden. Gründe könnten sein: Ich möchte eine politische oder philosophische Botschaft übermitteln, etwas aussagen, wirtschaftlich erfolgreich sein, Frauen beeindrucken etc. An diesen Überlegungen wird ein philosophischer Aspekt deutlich: Handlungen basieren auf Gründen, wir können sie deuten, aber wir sehen die Ursache nicht. Vielleicht können wir irgendwann Handlungen rein kausal im Sinne einer Reduktion auf neurobiologische Korrelate erklären, momentan sind wir auf Deutungen angewiesen, die eine Ebene höher sind. Überhaupt können wir kausale Verknüpfungen nicht sehen, aber in den Naturwissenschaften haben wir häufig empirische Evidenz. Bei menschlichem Verhalten sieht das anders aus. Es ist so komplex, dass hier eher statistische und deutende Aussagen Sinn machen, philosophische Handlungstheorie und Psychologie sind deswegen eng miteinander verknüpft. In intradisziplinären Psychologie-Diskursen zwischen Behaviorismus und Psychoanalyse wurde dieser Aspekt in der Wissenschaftsgeschichte deutlich und es wurde ausgiebig gestritten.

Ich denke, dass mein Schreiben multikausal verursacht ist. Unterschiedlichstes spielt eine Rolle. Systeme, die ein Mensch nicht mehr überschauen kann. Ich schreibe, weil ich meine Gedanken entwickeln möchte, weil ich Kritik ernten möchte und mein Denken verfeinern möchte. Manchmal schreibe ich auch einfach, weil es sich beruhigend anfühlt, wenn die Tastatur-Tasten unter den eigenen Fingern nachgeben. Ich schreibe, um zu kommunizieren, Informationen zu vermitteln, Beziehungen zu pflegen, wenn ich auf Facebook mit jemandem schreibe oder einen Brief verfasse, aber in diesem Essay geht es mir eher um literarisches und philosophisch angehauchtes Schreiben, wie man es hier auf dieser Seite im Blog findet. Dies ist teilweise aber auch eher dahingeklatscht, eine Übung, die nicht viel Gehirnschmalz braucht. Selte ist hier etwas ausdifferenziert, formal und inhaltlich voller Hochglanz, sondern oft ist es etwas, was vermutlich nie jemand lesen wird. Wenn jemand möchte, kann er sich gerne die Mühe machen und mein Schreiben durchforsten. Man wird vermutlich Manches finden, was unterhalten kann und dann freue ich mich, das Meiste dürfte aber redundant wirken.

Aufgrund diesen vielen Erklärungen und der momentanen Unmöglichkeiten der Psychologie, gesicherte Erklärungen zu geben, die über berechtigte Zweifel erhaben sind, möchte ich die Frage „Warum schreibe ich?“ philosophisch, emotional und assoziativ beantworten. Kurz: Ich möchte dieses wissenschaftlich klingenden Wortschwall, den Sie bisher lesen mussten, aufgeben und durchstarten, neu, ehrlicher:

Diese Welt ist hypertextualisiert und ich trage mit dazu bei. Vielleicht ist mein Schreiben ein Nachahmen dessen, was ich wahrnehme: Eine traumatische Übertragung, in der ich mich dafür räche, von Text erschlagen zu werden. Das Internet, Buchläden und Bibliotheken sind voll mit Informationen. Fast jeder Gedanke wurde schon gedacht und möchte man etwas Neues oder Lesenswertes schaffen, was nicht einfach Anderem, was geschrieben wurde, unrechtmäßig die Aufmerksamkeit stiehlt, dann braucht es Genie und hartes Training. Doch dieses Training und dieses Genie hat so gut wie niemand, auch ich nicht, dennoch breiten sich die Textwüsten – Viel Text, also keine Metapher im Sinne von “Servicewüste”, aber: Immer der gleiche: So wie beim Sand in der Wüste – immer weiter aus. Deshalb schließe ich meinen Essay wie folgt: Ich und auch viele Boulevard-Journalisten, Akademiker und Andere schreiben meist aus wirtschaftlichen Motiven und/oder weil sie sich im Bildungssystem beweisen müssen oder Ähnliches. Dieses Schreiben hat etwas Irrationales, weil es sich vom Eigentlichen, von der Existenz, vom Inhalt entfernt. Es ist bloß Mittel zu wirtschaftlichem/sozialen Zweck, aber inhaltliche absolut überflüssig. Die Hypertextualisierung der Gegenwart ist unwirklich, absurd, krankhaft und doch schreiben wir. Unser Schreiben ist vielleicht das größte Loblied an das Absurde, das es je gegeben hat. So wie Kierkegaard sich dem Religiösen hingibt, obwohl oder gerade weil es irrational ist, so springen Texter ins belangslose Schreiben. Klar, hier könntet ihr sagen: Aber wirtschaftliche Motive sind doch sinnig. Ja, gut. Vielleicht vordergründig, doch worum es mir geht, ist das Lebensgefühl, das dieses Schreiben ob der fehlenden inhaltlichen Relevanz transportiert: Die große Rache an Lehrern, Journalisten, Dozenten und Mitmenschen, die mit überflüssig-selbstverliebten Text erschlagen haben. Und ich bin kein Bisschen besser: Ich schlage mit den gleichen Waffen zurück!

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