Eine Liebeserklärung an die Redundanz
von Mathias Assmann (Link: http://rescogitans.de/)
Warum schreibe ich? Diese Frage kann ich sowohl kausal deuten im
Sinne von: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ als auch
telelogisch: „Was ist der Grund, weswegen ich schreibe.“ Dabei könnte
der Grund mein Schreiben sowohl komplett kausal determinieren, als auch
mitverursachen. Er könnte aber auch eine reine
Rationalisierungsstrategie sein. Die Gründe müssen also nicht die
Ursachen sein, sie könnten auch von mir erfunden worden sein, um vor mir
ein Verhalten zu rechtfertigen, das gänzlich anders motiviert ist.
Widmen wir uns der ersten Frage: „Was ist die Ursache dafür, dass ich
schreibe?“ Diese Frage lässt sich kaum allgemein beantworten.
Psychologisch könnte ich sagen: Durch sehr gute Deutsch-Noten wurde ich
zum Schreiben konditioniert. Ich wurde schlicht und einfach fast immer
belohnt, wenn ich geschrieben habe. Nun könnte man weitere Ursachen
anführen: Soziales Geltungsstreben, Neugierde, Lust an der Verfeinerung
der eigene Elaborate, ein intellektuelles Bestreben, einen Gegenstand
gedanklich zu durchdringen unter der Zuhilfenahme des geschriebenen
Wortes, das den Vorteil eines ausgelagerten Gedächtnisses mit sich
bringt. Auch wäre es denkbar, dass das Schreiben selbst einen Zweck für
mich bedeutet: Ich schreibe, weil Schreiben mir Zweck ist. Man könnte
sich viele psychologische Erklärungen denken: Psychoanalytisch wäre zum
Beispiel die Annahme, dass ich Triebe sublimiere oder unliebsame
Empfindungen ins Abstrake hinein intellektualisiere.
Evolutionspsychologisch könnte man sagen, dass elaborierte Menschen eher
überlebt haben. Viele weitere Erklärungen sind denkbar. Bzgl. der
zweiten Frage würden nur Gründe herhalten, die bewusst sind,
psychoanalytische Erklärungen, die sich auf unbewusste Kausalitäten
beziehen, würden hier ausscheiden und partiell ausgelagert werden.
Gründe könnten sein: Ich möchte eine politische oder philosophische
Botschaft übermitteln, etwas aussagen, wirtschaftlich erfolgreich sein,
Frauen beeindrucken etc. An diesen Überlegungen wird ein philosophischer
Aspekt deutlich: Handlungen basieren auf Gründen, wir können sie
deuten, aber wir sehen die Ursache nicht. Vielleicht können wir
irgendwann Handlungen rein kausal im Sinne einer Reduktion auf
neurobiologische Korrelate erklären, momentan sind wir auf Deutungen
angewiesen, die eine Ebene höher sind. Überhaupt können wir kausale
Verknüpfungen nicht sehen, aber in den Naturwissenschaften haben wir
häufig empirische Evidenz. Bei menschlichem Verhalten sieht das anders
aus. Es ist so komplex, dass hier eher statistische und deutende
Aussagen Sinn machen, philosophische Handlungstheorie und Psychologie
sind deswegen eng miteinander verknüpft. In intradisziplinären
Psychologie-Diskursen zwischen Behaviorismus und Psychoanalyse wurde
dieser Aspekt in der Wissenschaftsgeschichte deutlich und es wurde
ausgiebig gestritten.
Ich denke, dass mein Schreiben multikausal verursacht ist.
Unterschiedlichstes spielt eine Rolle. Systeme, die ein Mensch nicht
mehr überschauen kann. Ich schreibe, weil ich meine Gedanken entwickeln
möchte, weil ich Kritik ernten möchte und mein Denken verfeinern möchte.
Manchmal schreibe ich auch einfach, weil es sich beruhigend anfühlt,
wenn die Tastatur-Tasten unter den eigenen Fingern nachgeben. Ich
schreibe, um zu kommunizieren, Informationen zu vermitteln, Beziehungen
zu pflegen, wenn ich auf Facebook mit jemandem schreibe oder einen Brief
verfasse, aber in diesem Essay geht es mir eher um literarisches und
philosophisch angehauchtes Schreiben, wie man es hier auf dieser Seite
im Blog findet. Dies ist teilweise aber auch eher dahingeklatscht, eine
Übung, die nicht viel Gehirnschmalz braucht. Selte ist hier etwas
ausdifferenziert, formal und inhaltlich voller Hochglanz, sondern oft
ist es etwas, was vermutlich nie jemand lesen wird. Wenn jemand möchte,
kann er sich gerne die Mühe machen und mein Schreiben durchforsten. Man
wird vermutlich Manches finden, was unterhalten kann und dann freue ich
mich, das Meiste dürfte aber redundant wirken.
Aufgrund diesen vielen Erklärungen und der momentanen Unmöglichkeiten
der Psychologie, gesicherte Erklärungen zu geben, die über berechtigte
Zweifel erhaben sind, möchte ich die Frage „Warum schreibe ich?“
philosophisch, emotional und assoziativ beantworten. Kurz: Ich möchte
dieses wissenschaftlich klingenden Wortschwall, den Sie bisher lesen
mussten, aufgeben und durchstarten, neu, ehrlicher:
Diese Welt ist hypertextualisiert und ich trage mit dazu bei.
Vielleicht ist mein Schreiben ein Nachahmen dessen, was ich wahrnehme:
Eine traumatische Übertragung, in der ich mich dafür räche, von Text
erschlagen zu werden. Das Internet, Buchläden und Bibliotheken sind voll
mit Informationen. Fast jeder Gedanke wurde schon gedacht und möchte
man etwas Neues oder Lesenswertes schaffen, was nicht einfach Anderem,
was geschrieben wurde, unrechtmäßig die Aufmerksamkeit stiehlt, dann
braucht es Genie und hartes Training. Doch dieses Training und dieses
Genie hat so gut wie niemand, auch ich nicht, dennoch breiten sich die
Textwüsten – Viel Text, also keine Metapher im Sinne von “Servicewüste”,
aber: Immer der gleiche: So wie beim Sand in der Wüste – immer weiter
aus. Deshalb schließe ich meinen Essay wie folgt: Ich und auch viele
Boulevard-Journalisten, Akademiker und Andere schreiben meist aus
wirtschaftlichen Motiven und/oder weil sie sich im Bildungssystem
beweisen müssen oder Ähnliches. Dieses Schreiben hat etwas Irrationales,
weil es sich vom Eigentlichen, von der Existenz, vom Inhalt entfernt.
Es ist bloß Mittel zu wirtschaftlichem/sozialen Zweck, aber inhaltliche
absolut überflüssig. Die Hypertextualisierung der Gegenwart ist
unwirklich, absurd, krankhaft und doch schreiben wir. Unser Schreiben
ist vielleicht das größte Loblied an das Absurde, das es je gegeben hat.
So wie Kierkegaard sich dem Religiösen hingibt, obwohl oder gerade weil
es irrational ist, so springen Texter ins belangslose Schreiben. Klar,
hier könntet ihr sagen: Aber wirtschaftliche Motive sind doch sinnig.
Ja, gut. Vielleicht vordergründig, doch worum es mir geht, ist das
Lebensgefühl, das dieses Schreiben ob der fehlenden inhaltlichen
Relevanz transportiert: Die große Rache an Lehrern, Journalisten,
Dozenten und Mitmenschen, die mit überflüssig-selbstverliebten Text
erschlagen haben. Und ich bin kein Bisschen besser: Ich schlage mit den
gleichen Waffen zurück!
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