Mittwoch, 11. Juli 2012

Rezension (Zamzow)

zu Mathias Assmanns Essay "Was ist Philosophie?"

In seinem Essay unternimmt es Assmann, die Frage, was Philosophie sei, mithilfe verschiedener Herangehensweisen zu klären (etymologische, historische, methodische und schließlich philosophische). Insgesamt tritt er vor allem als Referent dessen auf, was man als abendländische Philosophietradition bezeichnen könnte. Seine Äußerungen zur Philosophie-Historie nehmen den größten Raum ein. Er geht auf die Vorsokratiker, auf Sokrates, Kant, Wittgenstein, viele weitere und vieles mehr ein, skizziert kurz, schneidet an, fährt fort, springt weiter. Muss er aber, um die Philosophie historisch betrachten zu können, nicht schon einen bestimmten Philosophie-Begriff voraussetzen? Müsste er, indem er schreibt, dass sich historisch nicht klären lasse, was die Philosophie sei, nicht schon wissen, worauf er hinauswill? Assmann schreibt, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen und andere ausgelagert worden seien, um zu begründen, dass aufgrund der verschiedenen historischen Zuschreibungen keine genaue Begriffsbestimmung möglich sei. Er versucht in diesem Abschnitt noch nicht, den Begriff zu bestimmen, sondern scheint von einem unartikulierten Vorverständnis auszugehen, so dass unklar bleibt, von welcher Grundlage er ausgeht. Was ist ein Keks? Die historische Herangehensweise lehrt uns: Es gab Zeiten, in denen als Keks (Philosophie) galt, was heute unter Kuchen (Wissenschaft) firmiert. Aber was ist nun der Keks? Mit anderen Worten: Ich verstehe nicht, warum Assmann versucht, sich dem Gegenstand seines Essays, der wohl nur philosophisch erschlossen werden kann, anders als philosophisch zu nähern.

Nachdem Assmann recht summarisch, mehr berichtend als eigentlich urteilend verfahren ist, widmet er sich der Fragestellung im letzten Abschnitt seines Essays philosophisch. Ich behaupte jedoch, dass er in den vorhergehendne Abschnitten längst philosophiert hat, philosophieren musste, allerdings ohne dies offenzulegen. Er betont die philosophische Pluralität, wagt jedoch eine, wenn auch zurückhaltende Antwort auf die Ausgangsfrage: "Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens." Assmanns Respekt vor der Vielfalt dessen, was unter Philosophie verstanden werden kann, wird hier deutlich. Er mutet sich nicht zu, die Ausgangsfrage mit einem Satz wegzuwischen, was dem Gegenstand angemessen ist. Daher das "vielleicht". Andererseits bestimmt er den Begriff de facto. Diese doppelte Rücksichtnahme, zum Einen auf das, was er selbst unter Philosophie versteht, und zum Anderen auf das, was "im Allgemeinen" darunter verstanden wird, verunmöglicht Assmann die Begriffsbestimmung. Ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt redlich ist, diese zwischen Besonderem und Allgemeinem vermittelnde Position einzunehmen. Fruchtbarer wäre es wahrscheinlich, die Frage von vornherein für sich zu beantworten und dies kenntlich zu machen. An dieser Stelle scheint mir keine tiefe philosophische Weisheit, sondern ein platter Gemeinspruch das Wesentliche zu treffen: Man kann es nicht allen (Auffassungen darüber, was Philosohie sei) recht machen. 
 
Assmann schreibt: "Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck." Hier sieht es so aus, als würde er Wahrheit und Weisheit gleichsetzen. Leuchtet das ein? Ebenso ist unklar, was es mit der "Liebe zur Weisheit" eigentlich auf sich hat, denn er schreibt ja selbst, dass dieser Begriff vielerlei Verwendung finden könne: "Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein." Diese Unbestimmtheit bzw. Unterbestimmtheit von Begriffen, die selbst wiederum philosophischer Klärung bedürften, macht es für mich schwierig, Assmanns Text zu folgen, auch wenn mir viele seiner Gedanken vertraut sind. Er beweist ein großes Wissen und versteht es, dieses auszubreiten. Die Darstellung wirkt jedoch teilweise recht deklamatorisch (Philosophie hat ... Philosophie kann ... Philosophie ist ... Philosophie ist ...) und einführungswerkklappentextmäßig. Besonders im letzten, dem wichtigsten Abschnitt reiht sich ein Satz an den anderen, ohne dass diese sich einander viel zu sagen hätten. Vielleicht wäre hier - um einen weiteren Gemeinspruch einzustreuen - weniger mehr gewesen.


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