In seinem Essay unternimmt es Assmann, die Frage, was
Philosophie sei, mithilfe verschiedener Herangehensweisen zu
klären (etymologische, historische, methodische und schließlich
philosophische). Insgesamt tritt er vor allem als Referent dessen
auf, was man als abendländische Philosophietradition bezeichnen
könnte. Seine Äußerungen zur Philosophie-Historie nehmen den
größten Raum ein. Er geht auf die Vorsokratiker, auf Sokrates,
Kant, Wittgenstein, viele weitere und vieles mehr ein, skizziert kurz, schneidet an,
fährt fort, springt weiter. Muss er aber, um die Philosophie
historisch betrachten zu können, nicht schon einen bestimmten
Philosophie-Begriff voraussetzen? Müsste er, indem er schreibt, dass
sich historisch nicht klären lasse, was die Philosophie sei, nicht
schon wissen, worauf er hinauswill? Assmann schreibt, dass zur
Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen und andere ausgelagert
worden seien, um zu begründen, dass aufgrund der verschiedenen
historischen Zuschreibungen keine genaue Begriffsbestimmung möglich sei. Er versucht in diesem Abschnitt noch nicht, den Begriff zu
bestimmen, sondern scheint von einem unartikulierten Vorverständnis
auszugehen, so dass unklar bleibt, von welcher Grundlage er ausgeht. Was ist ein Keks?
Die historische Herangehensweise lehrt uns: Es gab Zeiten, in denen
als Keks (Philosophie) galt, was heute unter Kuchen (Wissenschaft)
firmiert. Aber was ist nun der Keks? Mit anderen Worten: Ich verstehe nicht, warum Assmann versucht, sich dem Gegenstand seines Essays, der wohl nur philosophisch erschlossen werden kann, anders als philosophisch zu nähern.
Nachdem Assmann recht summarisch, mehr berichtend als
eigentlich urteilend verfahren ist, widmet er sich der
Fragestellung im letzten Abschnitt seines Essays philosophisch. Ich behaupte jedoch, dass er in den vorhergehendne
Abschnitten längst philosophiert hat, philosophieren musste, allerdings ohne dies
offenzulegen. Er betont die philosophische Pluralität, wagt jedoch
eine, wenn auch zurückhaltende Antwort auf die Ausgangsfrage:
"Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens."
Assmanns Respekt vor der Vielfalt dessen, was unter Philosophie
verstanden werden kann, wird hier deutlich. Er mutet sich
nicht zu, die Ausgangsfrage mit einem Satz wegzuwischen, was dem
Gegenstand angemessen ist. Daher das "vielleicht". Andererseits bestimmt er den
Begriff de facto. Diese
doppelte Rücksichtnahme, zum Einen auf das, was er selbst unter
Philosophie versteht, und zum Anderen auf das, was "im
Allgemeinen" darunter verstanden wird, verunmöglicht Assmann die Begriffsbestimmung. Ich bin mir nicht sicher, ob es
unbedingt redlich ist, diese zwischen Besonderem und Allgemeinem
vermittelnde Position einzunehmen. Fruchtbarer wäre es wahrscheinlich, die Frage von vornherein
für sich zu beantworten und dies kenntlich zu machen. An dieser
Stelle scheint mir keine tiefe philosophische Weisheit, sondern ein
platter Gemeinspruch das Wesentliche zu treffen: Man kann es nicht
allen (Auffassungen darüber, was Philosohie sei) recht machen.
Assmann schreibt:
"Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund
der Liebe zur Weisheit Selbstzweck." Hier sieht es so aus, als
würde er Wahrheit und Weisheit gleichsetzen. Leuchtet das ein? Ebenso
ist unklar, was es mit der "Liebe zur Weisheit" eigentlich auf
sich hat, denn er schreibt ja selbst, dass dieser Begriff vielerlei
Verwendung finden könne: "Mit Weisheit könnten auch
religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder
sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein."
Diese Unbestimmtheit bzw. Unterbestimmtheit von Begriffen, die selbst
wiederum philosophischer Klärung bedürften, macht es für mich
schwierig, Assmanns Text zu folgen, auch wenn mir viele seiner
Gedanken vertraut sind. Er beweist ein großes Wissen
und versteht es, dieses auszubreiten. Die Darstellung wirkt jedoch teilweise recht deklamatorisch (Philosophie hat ... Philosophie kann ... Philosophie ist ... Philosophie ist ...) und einführungswerkklappentextmäßig. Besonders im letzten, dem wichtigsten Abschnitt reiht sich ein Satz an den anderen, ohne dass diese sich einander viel zu sagen hätten. Vielleicht wäre hier - um einen weiteren Gemeinspruch einzustreuen - weniger mehr gewesen.
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