Mittwoch, 11. Juli 2012

Rezension (Assmann)

zu Karsten Zamzows Essay "Was ist Philosophie?"

Eine Kritik oder Rezension eines Essays ist ein schwieriges Unterfangen, denn es geht in einem Essay, wenn nicht die Form akademischer Arbeit, sondern die literarische Gattung gemeint ist, nicht um abfragbares Wissen. Neben Stringenz und formalen Kriterien ist insbesondere auch Kreativität und Originalität wichtig. Fast fühle ich mich beim Schreiben einer Rezension zu Karsten Zamzows Essay wie ein Deutsch-Lehrer, der eine Arbeit bewertet. Ich merke gleich: Ich könnte kein Lehrer in einem geisteswissenschaftlich-orientierten Fach sein. Bei Mathematik ist es für einen geübten Mathematiker einfach, fair zu sein, da es klare, eindeutig operationalisierbare Kriterien für richtig und falsch gibt. Die Bewertung eines Essays zum Thema, was Philosophie sei, muss aber notwendig subjektiv sein und läuft immer Gefahr, unfair zu sein. Schon meine Wahrnehmung ist durch meine eigene Perspektive bestimmt. Wenn Einstein sagt, dass die Theorie bestimmt, was wir beobachten können, so ist das für die Geisteswissenschaften und Künste fast noch wichtiger als für die Naturwissenschaften. Sicherlich könnte ich streng versuchen, allgemeine Bewertungskriterien zu finden, aber selbst die Auswahl dieser Kriterien wäre subjektiv, deshalb nehme ich von der Lehrerperspektive Abstand und schreibe eine bewusst subjektive Rezension, die exegetisch angereichert ist:
Soll ich mit einer reinen Inhaltsangabe anfangen? Nein, denke ich mir! Wer diese Rezension liest, kann auch den Essay selbst lesen und verstehen!
Gleich zu Anfang weist Karsten Zamzows auf die Inkommensurabilität verschiedener Philosophie-Begriffe hin und folgert, dass er einen eigenen Philosophie-Begriff entwickeln müsse. Das weckt insbesondere das Interesse von Lesern, die schon eine Vorstellung von Philosophie-Begriffen haben und neue Akzente kennen lernen möchten. Das gilt auch für mich. Ich möchte weiterlesen!
Er stellt dar, dass der Nutzen von Philosophie subtil ist, nicht augenscheinlich. Ein Philosoph betrachte die Welt aus einer globalen Perspektive und sei eher ein Sonderling, über den so mancher lacht. Dies scheint auch der Etymologie zu entsprechen, denn das griechische Philos verweist in manchen Wörtern auf jemanden, der sich so sehr für etwas interessiert, dass es manch anderen skurril erscheint. Ja. Vielen Menschen erscheinen Philosophen wie Freaks. „Was Du studierst Philosophie?“ „Was macht man denn damit?“ „Und was wird man damit?“ „Hältst Du Dich für etwas Besseres?“ Es erscheint vielen unverständlich, dass man seine Geisteskraft in ein Fach investiert, dass als trocken und verschroben gilt und mit dem man später höchst wahrscheinlich nicht allzu viel Geld verdienen kann. Manche werten philosophisches Interesse auch als Arroganz, manche sogar als gefährlich oder krankhaft. Philosophie, das ist reine Intellektualisierung, denkt sich vll. mancher Tiefenpsychologe. Das mag teilweise stimmen. Doch schon Freud hat darauf verwiesen, dass die Genese einer Geistesanschauung wenig bis nichts über deren Korrektheit aussagt.
Ein Philosoph betrachte die Welt mit einigem Abstand – schön allegorisch dargestellt – und Philosophie sei, auch als praktische Philosophie Theorie, schreibt Zamzow. Hier kann ich folgen, möchte aber auch anmerken, dass man genauso sagen könnte, dass auch theoretische Philosophie immer Praxis ist: Jedes Denken braucht ebenso wie eine andere Handlung Zeit, für deren Verwendung sich entschieden wird. Das Denken bereitet außerdem oft eigene Handlungen vor und wird es publiziert, so bekommt es eine gesellschaftliche oder sogar politische Funktion
Weiter schreibt Zamzow, dass der Philosoph eine eigene Sprache spricht und Begriffe erschließt. Hier liegt meiner Ansicht nach etwas Wichtiges verborgen, denn die Philosophie erschließt Begriffe und Begriffe erschließen unsere Welt. Philosophie ist somit auch Welterschließung, außerdem verweist er auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von etwas. Hier zeigt sich kantischer und analytischer Einfluss und ich gehe voll und ganz d’Accord. Über die empirische Fassbarkeit möchte ich kantisch noch einmal erwähnen, dass die Begriffe, selbst wenn sie sehr abstrakt sind, sich auf Anschauungen beziehen und diese Ordnen. Die Begriffe haben eine Ordnungsfunktion im Empirischen. Selbst Wörter wie „Kausalität“ und „Gott“ beziehen sich auf die sinnlich wahrnehmbare Welt.
Zamzows Aussage, dass der Philosoph die Welt zunächst als Mögliches betrachtet, verweist auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und auch auf den Existentialismus. Sie ist ein Hinweis darauf, dass die Philosophie kreativ ist. Ein Philosoph ist in die Kontingenz geworfen. Er zweifelt an Autoritäten, er bekommt keine Methodologie vorgegeben, der er notwendig folgen muss, sondern er denkt über den Tellerrand hinaus und schafft sich seine eigenen Interpretationen. Seine Vernunft ist nicht rein instrumentell.
Weiter schreibt Zamzow, dass ein Philosoph auf der Suche nach Orientierung und Sinn ist. Dies erscheint für manche Philosophie-Begriffe zentral. Ein Nicht-Philosoph springt aus dem Absurden, würde Camus sagen: Ab in die Religion oder in irgendeine geordnete Weltanschauung. Der Philosoph dagegen liebt Welten, die nicht fundamental geordnet sind, da er die meisten Ordnungsversuche als Scheinlösungen betrachtet. Philosophischer Diskurs ist infinit denkbar und so könnten Milliarden Essays folgen. Nahezu jeder dürfte es wert sein, gelesen zu werden, doch vermutlich wird niemand die Frage nach dem Wesen der Philosophie je abschließend beantworten. Zamzow ist sich dessen bewusst und schafft mit seinem Essay eine eigene persönliche Perspektive, die ich gerne gelesen habe, auch wenn ich nicht finde, dass die Bezeichnungen Schriftsteller und Philosoph notwendig etwas Elitäres haben müssen. Ob jemand in der Tonne oder im Penthouse wohnt, mag politisch bedeutsam sein, aber die Philosophie sollte unabhängig davon inhaltlich betrachtet werden. Berufsphilosophie ist für mich eher deshalb ein Problem, weil sie dazu führt, dass eine Metadisziplin zur Fachdisziplin wird. Philosophie sollte nicht ausgelagert werden, sondern in Diskurse integriert sein.

Rezension (Zamzow)

zu Mathias Assmanns Essay "Was ist Philosophie?"

In seinem Essay unternimmt es Assmann, die Frage, was Philosophie sei, mithilfe verschiedener Herangehensweisen zu klären (etymologische, historische, methodische und schließlich philosophische). Insgesamt tritt er vor allem als Referent dessen auf, was man als abendländische Philosophietradition bezeichnen könnte. Seine Äußerungen zur Philosophie-Historie nehmen den größten Raum ein. Er geht auf die Vorsokratiker, auf Sokrates, Kant, Wittgenstein, viele weitere und vieles mehr ein, skizziert kurz, schneidet an, fährt fort, springt weiter. Muss er aber, um die Philosophie historisch betrachten zu können, nicht schon einen bestimmten Philosophie-Begriff voraussetzen? Müsste er, indem er schreibt, dass sich historisch nicht klären lasse, was die Philosophie sei, nicht schon wissen, worauf er hinauswill? Assmann schreibt, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen und andere ausgelagert worden seien, um zu begründen, dass aufgrund der verschiedenen historischen Zuschreibungen keine genaue Begriffsbestimmung möglich sei. Er versucht in diesem Abschnitt noch nicht, den Begriff zu bestimmen, sondern scheint von einem unartikulierten Vorverständnis auszugehen, so dass unklar bleibt, von welcher Grundlage er ausgeht. Was ist ein Keks? Die historische Herangehensweise lehrt uns: Es gab Zeiten, in denen als Keks (Philosophie) galt, was heute unter Kuchen (Wissenschaft) firmiert. Aber was ist nun der Keks? Mit anderen Worten: Ich verstehe nicht, warum Assmann versucht, sich dem Gegenstand seines Essays, der wohl nur philosophisch erschlossen werden kann, anders als philosophisch zu nähern.

Nachdem Assmann recht summarisch, mehr berichtend als eigentlich urteilend verfahren ist, widmet er sich der Fragestellung im letzten Abschnitt seines Essays philosophisch. Ich behaupte jedoch, dass er in den vorhergehendne Abschnitten längst philosophiert hat, philosophieren musste, allerdings ohne dies offenzulegen. Er betont die philosophische Pluralität, wagt jedoch eine, wenn auch zurückhaltende Antwort auf die Ausgangsfrage: "Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens." Assmanns Respekt vor der Vielfalt dessen, was unter Philosophie verstanden werden kann, wird hier deutlich. Er mutet sich nicht zu, die Ausgangsfrage mit einem Satz wegzuwischen, was dem Gegenstand angemessen ist. Daher das "vielleicht". Andererseits bestimmt er den Begriff de facto. Diese doppelte Rücksichtnahme, zum Einen auf das, was er selbst unter Philosophie versteht, und zum Anderen auf das, was "im Allgemeinen" darunter verstanden wird, verunmöglicht Assmann die Begriffsbestimmung. Ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt redlich ist, diese zwischen Besonderem und Allgemeinem vermittelnde Position einzunehmen. Fruchtbarer wäre es wahrscheinlich, die Frage von vornherein für sich zu beantworten und dies kenntlich zu machen. An dieser Stelle scheint mir keine tiefe philosophische Weisheit, sondern ein platter Gemeinspruch das Wesentliche zu treffen: Man kann es nicht allen (Auffassungen darüber, was Philosohie sei) recht machen. 
 
Assmann schreibt: "Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck." Hier sieht es so aus, als würde er Wahrheit und Weisheit gleichsetzen. Leuchtet das ein? Ebenso ist unklar, was es mit der "Liebe zur Weisheit" eigentlich auf sich hat, denn er schreibt ja selbst, dass dieser Begriff vielerlei Verwendung finden könne: "Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein." Diese Unbestimmtheit bzw. Unterbestimmtheit von Begriffen, die selbst wiederum philosophischer Klärung bedürften, macht es für mich schwierig, Assmanns Text zu folgen, auch wenn mir viele seiner Gedanken vertraut sind. Er beweist ein großes Wissen und versteht es, dieses auszubreiten. Die Darstellung wirkt jedoch teilweise recht deklamatorisch (Philosophie hat ... Philosophie kann ... Philosophie ist ... Philosophie ist ...) und einführungswerkklappentextmäßig. Besonders im letzten, dem wichtigsten Abschnitt reiht sich ein Satz an den anderen, ohne dass diese sich einander viel zu sagen hätten. Vielleicht wäre hier - um einen weiteren Gemeinspruch einzustreuen - weniger mehr gewesen.


Montag, 9. Juli 2012

Was ist Philosophie? (Zamzow)

von Karsten Zamzow 

   

Die Frage danach, was Philosophie sei, suggeriert, dass es so etwas wie die Philosophie gebe. Das Erste, was dem jungen Menschen jedoch auffällt, wenn er sich der Philosophie zuwendet, ist die Vielfalt der philosophischen Strömungen. Lässt sich ein Kriterium (oder mehrere) ausmachen, das von all diesen Strömungen erfüllt wird? Zu bedenken gibt, dass sich verschiedene philosophische Schulen gegenseitig das Existenzrecht absprechen, was darauf hinzuweisen scheint, dass jemand, der von der Philosophie spricht, dies nur aus einer harmonisierend-oberflächlichen Außenperspektive tun kann. Die Beantwortung der Ausgangsfrage wird davon abhängen, ob es mir gelingt, das alle Philosophien Verbindende herauszuarbeiten, ohne sie für diesen Eingriff zu verstümmeln und zurechtzufälschen. Ist ein solches Unterfangen möglich? Kann man sich mit dieser Frage beschäftigen, ohne nicht schon zu philosophieren, also auch schon auf eine gewisse Weise zu philosophieren? Worauf könnte sich diese Weise wiederum zurückführen lassen? Es hilft nichts, ich werde selbst einen Begriff von Philosophie entwickeln müssen. Die Vorstellung, man könne alle philosophischen Strömungen abklappern, um so den Begriff der Philosophie gewissermaßen empirisch zu eruieren, ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.

Ich möchte damit beginnen, dass ich danach frage, was einen sogenannten Philosophen von einem intelligenten Menschen ohne Philosophie unterscheidet. Während der Wert der Intelligenz als unbezweifelt dasteht und viele Eltern den größten Wert darauf legen, dass ihr Kind eine gute Schule besucht, gilt die Philosophie eher als suspekt, obwohl kaum jemand die These vertreten dürfte, dass Philosophen dumm seien. Im Gegenteil: Sie scheinen zu sehr damit beschäftigt, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich gedanklich in sie hineinzuwühlen, so dass ihnen über dieser ihrer Beschäftigung das Leben entgleitet. Man denke nur an das Lachen der thrakischen Magd über Thales, einen der ersten großen Philosophen, der, ganz in die Betrachtung des Sternenhimmels vertieft, in einen Brunnen fiel. Dieses thrakische Lachen ist niemals ganz verklungen. Oft frage ich mich auch: Was tue ich hier eigentlich? Beispielsweise in einem Seminar über Heideggers Sein und Zeit im letzten Wintersemester. Das ist ja alles ganz interessant, was ihr da über die Weltlichkeit von Welt erzählt, aber ...

In der Tat scheint die Philosophie zu nichts nütze zu sein. Oder anders: Ihr Nutzen ist nicht so augenscheinlich wie etwa der der Betriebswirtschaftslehre. Das liegt daran, dass die Philosophie, im Gegensatz zu den Wissenschaften, keinen festen Gegenstand hat. Sie verändert nichts als eben den Menschen, der philosophiert, während sich die Wissenschaften, in Form der Technik, dazu nutzen lassen, die Welt praktisch umzugestalten. Sicherlich wird ein philosophisch gebildeter Mensch anders handeln als jemand, dem es nur um Profitmaximierung geht. Ich denke aber nicht, dass er deshalb philosophiert, um anders zu handeln, sondern um sich vor allem klar darüber zu werden, warum er handelt, wie er handelt. Auch die sogenannte praktische Philosophie ist Theorie. Sie liefert die theoretischen Grundlagen für ein gutes Handeln. Handeln muss der Mensch immer noch selbst. Kant sagt zwar, dass es unter allen Umständen unmoralisch sei, zu lügen. Damit gibt er jedoch keine stupide Handlungsanweisung, kein "Du sollst". Denn die Forderung, nicht zu lügen, hängt auf's Engste mit Kants Moralphilosophie zusammen und ist ohne diese nicht zu verstehen (Stichwort kategorischer Imperativ).

Philosophie ist also Theorie. Mit dieser Bestimmung lässt sich, denke ich, ihr zweifelhafter Ruf erklären. Vielleicht ist an dieser Stelle ein Vergleich angebracht. Man stelle sich einen Touristen vor, der vor der Wand eines Schlosses steht, so nah, dass er sich beinahe die Nase an dem alten Ziegelsteinen eindrückt. Der Aufforderung, doch bitte etwas zurückzutreten, um die Schönheit des Schlosstores besser bewundern zu können, kommt er gerne nach. Der Philosoph ist nun mit jemandem zu vergleichen, der bis in den rund dreihundert Meter entfernten Schlosspark geht, um das Schloss in seiner Gesamtheit überblicken zu können. Dort liegt viel Müll herum und auf die vollgesprühte Bank mag er sich nicht setzen. Doch er ist froh, das Schloss in seiner Totalität zu sehen, wie er der Krähe anvertraut, die ihm ihre Gunstbezeigung auf den Kopf setzt. Wie jeder Vergleich hinkt auch dieser. Doch glaube ich, das Eigentümliche der philosophischen Betrachtung illustriert zu haben, das darin besteht, den Dingen näher zu kommen, indem man von ihnen Abstand nimmt. Unser Philosoph wird der letzte sein, der das Schlosstor durchschreitet, in diesem Sinn ist sein Tun weltfremd, unpraktisch. Aber gerade dieser Abstand ermöglicht es ihm, über das Schloss Aussagen zu treffen, die jemandem, der direkt vor diesem steht, nicht möglich wären.

Und warum ist dieser Betrachter aus der Ferne nun ein Philosoph und nicht etwa ein Architekt? Ich denke, dass sich der Philosoph dadurch zu erkennen geben wird, dass er eine bestimmte Sprache spricht, die nicht umittelbar einleuchtet, also gelernt werden muss. Nun ist dieser Umstand an und für sich noch nichts Besonderes, denn jede Wissenschaft prägt ihre eigene Sprache. Das Besondere philosophischer Begriffe besteht indes darin, dass sie Erschließungskategorien sind, die keinen festen Anwendungsbereich haben. Wenn der Architekt über seine Tätigkeit redet, wird er den engen Raum seines Gesichtskreises nicht überschreiten können, ohne dass seine Rede ihres Sinnes verlustig ginge. Es lässt sich schlecht Kosmologie treiben, wenn man nur von Dachböden reden kann. Der Philosoph hingegen vermag grundsätzlich über alles zu reden, ein Umstand, der ihm viele böse Blicke einhandeln kann. Denn er weiß in der Regel nicht besonders viel, was die Fakten angeht, hat jedoch ein ausgeprägtes Gespür dafür, ob Begrifflichkeiten widerspruchslos verwendet werden, Argumentationen schlüssig sind etc. Man denke nur an die Diskussionen über die Hirnforschung.

Was ich oben Erschließungskategorie genannt habe, ist ein anderes Wort für Begriff. Und hiermit sind wir bei einer weiteren Besonderheit des philosophischen Denkens. Denn Philosophie erschöpft sich nicht darin, Fehler und Unklarheiten aufzuspüren: sie ist ebenso ein schöpferisches Unterfangen, eine Kunst. Deleuze sagt, dass Philosophie die Kunst sei, Begriffe zu erfinden. Damit trifft er einen wichtigen Punkt, auch wenn die Polemik nicht übersehen werden darf, die in dieser Definition steckt. Was die Rede der Philosophen so unverständlich macht, sind ihre Begriffe, die in der Regel nicht zum allgemeinen Wortschatz gehören. Jeder Philosoph verfügt über seine eigene Begrifflichkeit. So spricht Platon von den Ideen, Kant von den synthetischen Urteilen a priori, Nietzsche vom Willen zur Macht - lauter begriffliche Kunstwerke! Philosophische Begriffe spielen jedoch auch im Selbstverständnis eines jeden Menschen eine nicht unwesentliche Rolle. Lebe ich frei oder fremdbestimmt? Dürfen wir den Einwanderern eine menschenwürdige Behandlung vorenthalten? Lässt es sich ethisch vertreten, Tiere zu Konsumzwecken zu töten?

Ob Freiheit, Menschenwürde oder Ethik: all diese Begriffe erhalten ihren Sinn einzig dadurch, dass man über sie diskutiert. Sie existieren ausschließlich in der Sprache. Es gibt keinen empirisch fassbaren Gegenstand, der ihnen entspräche. Das Besondere der Philosophie scheint mir darüber hinaus zu sein, dass sie nach der Bedingung der Möglichkeit fragt. Also: Wie ist Freiheit, wie Menschenwürde, wie Ethik möglich? Ja vielleicht ließen sich sogar alle philosophischen Fragen auf die folgende zurückführen: Wie ist etwas möglich? Wobei für "etwas" alles nur Erdenkliche eingesetzt werden kann. In diesem Punkt bin ich mir jedoch unsicher. Was ich zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass der Philosoph die Welt in erster Linie nicht als etwas Wirkliches, sondern als etwas Mögliches betrachtet, also als etwas, das auch anders sein könnte. Ich denke, dass jede Betrachtungsweise, die sich darauf beschränkt, bloß das vermeintlich Gegebene zu berücksichtigen, die menschliche Wirklichkeit verfehlen muss. Denn der Mensch ist eine eigentümliche Synthese aus Freiheit und Faktizität. Wer die Freiheit überbetont, vernachlässigt die Bedingtheiten seines Handelns. Und wer alles Treiben auf die Faktizität zurückführt, hat es nicht mehr mit Menschen, sondern anthropomorphen Automaten zu tun.

Da huschte er kurz vorbei, der Mensch. Welche Bedeutung kommt der Philosophie für den Philosophierenden zu? Oben schrieb ich, dass die Philosophie nichts verändere als denjenigen, der philosophiert. Wie kann das sein? Ich denke, dass Philosophie als ein Denken verstanden werden kann, das den Menschen in seinem ganzen Sein umtreibt. Er beschäftigt sich nicht mit Detailfragen oder Problemen seines tagtäglichen Fortkommens, sondern stellt sich gleichsam vor sich selbst hin, um sich und alle Dinge zu befragen. Darin, dass das philosophische Denken auf's Ganze geht, ähnelt es dem Gebet. Sicherlich kann man auch einen weniger emphatischen Begriff des Philosophierens vertreten, doch denke ich, dass alles ursprüngliche Philosophieren damit beginnt, dass sich der Mensch wundert und erstaunt in eine Welt blickt, die ihm bisher als das Allerselbstverständlichste gegolten hat. Der Blick des Philosophen ist der Blick eines Fremden. Seine Sehnsucht ist, eines Tages zurückzukehren und sich wieder heimisch zu machen, geläuterter, gelassener, selbst gleichgültiger, nachdem er seinen langen Lauf vollendet hat, seinen Lauf durch den Geist. Wird er jemals ankommen?

Das eine ist das Philosophieren, das andere die Philosophie: das, was sich gewissermaßen abgelagert hat. In Büchern, Institutionen, Vorurteilen. In der Antike blickten die Philosophen verächtlich auf die Sophisten, weil diese für ihre Weisheiten Geld verlangten. Heute haben wir es mit Berufsphilosophen zu tun, die davon leben, was sie denken. Aus diesem Umstand ergeben sich eine ganze Reihe von Problemen, die mit dem eigentlichen Philosophieren, wie ich es verstehe, nichts zu tun haben. So wagte es etwa im letzten Wintersemester ein Student, die Ergebnislosigkeit der Philosophie zu kritisieren. Er wollte Resultate sehen, handfeste. Ich weiß nicht, ob sein Einwand unbedingt als unberechtigt zurückgewiesen werden muss, was mir aber übel aufstieß, war die Reaktion der Dozentin. "Dann müssen Sie sich ernsthaft fragen, warum sie Philosophie studieren. Wozu sitzen Sie eigentlich hier?" So fragt jemand, der sein Revier gegen Eindringlinge abzuschirmen drängt, jemand, der meint, etwas zu sein, eben eine Philosophin. Nichts dünkt mir törichter, als sich für einen Philosophen zu halten. Ich ziehe es vor, jemand zu sein, der philosophiert, ohne Philosoph, und der schreibt, ohne Schriftsteller zu sein. Das ist eine Frage der Souveränität. Wer Philosoph ist, muss immer denken und zu allem Überfluss auch noch als Parteimann oder -frau auftreten. Nur so kann ich mir Aussagen wie die meiner Dozentin erklären. Das ist mein Brot nicht.

Was ist Philosophie? (Assmann)

von Mathias Assmann (Link: rescogitans.de)


Etymologische Herangehensweise und Grenzen

Jeder Schüler, der Philosophie in der Schule hatte, weiß, was Philosophie ist: Die Liebe zur Weisheit. Etymologische Stichworte: Griechischer Herkunft, Philos = Freund, Sophia = Weisheit. Danke. Thema abgehakt.
Fragt man Menschen, die sich intensiv mit dem befassen, was Philosophie ist, ist die Antwort häufig komplexer und meist individuell verschieden. Klar, die Etymologie bietet beim Wort Philosophie erste Anhaltspunkte und kann einem oft helfen, wenn man die Bedeutung eines unbekannten Wortes aufklären möchte z.B., wenn man als Jugendlicher wissen möchte, was Biologie ist: Biologie ist die Wissenschaft (logos= Wort/Lehre, bios= Leben) vom Belebten. Bei Philosophie gestaltet sich eine etymologische Herangehensweise allerdings als schwieriger, da zum einen der Ausdruck „Sophia“ auf unterschiedlichste Begriffe verweist und zum Anderen die Philosophie geschichtlich unterschiedlichste Methoden und Anwendungsgebiete entwickelt hat und es verschiedene Philosophie-Begriffe gibt, die teilweise Schnittmengen haben, sich teilweise aber auch gegenseitig ausschließen.
Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein. Sophisten im antiken Griechenland unterrichteten unterschiedlichste Fächer und wurden von Platon deutlich von Philosophen abgegrenzt. Auch ein goethischer Faust, der jeglicher Lehre abgeschworen hat und im Taumel des Lebens fernab vom Gelehrten-Dasein erkennen möchte, was das Mensch-Sein ausmacht, kann als Philosoph betrachtet werden. Also: Eine rein etymologische Herangehensweise reicht zur Begriffsklärung nicht aus.

Geschichtliche Herangehensweise und Grenzen

Geschichtlich kann man den Anfang der Philosophie bei den Vorsokratikern verorten. Diese Denker versuchten im Gegensatz zu religiösen Denkern das Weltgeschehen nicht auf Beseeltes (Animismus), sondern auf universale Prinzipien zurückzuführen. So kann man hier auch den Anfang der Naturwissenschaft sehen. Diese Naturphilosophen interessierten sich meist nicht für praktische Philosophie, nicht für Ethik oder die Frage, was man tun soll, sondern dafür, wie die Welt funktioniert. Der grundlegende Unterschied zur heutigen Naturwissenschaft lag in der Methodik, denn das Denken der Vorsokratiker war eher hermeneutisch als empirisch geprägt.
Mit Sokrates wurde schließlich die Frage der praktischen Philosophie wichtig, was das gute Leben sei. Sokrates war weniger Naturphilosoph als ein Mann, der an ethischen Fragen interessiert war. Seine Methode war die Mäeutik, ein Versuch, durch Fragen zu Erkenntnissen zu gelangen. Außerdem kann man ihn als Begründer eines methodischen Skeptizismus betrachten, wenn er sagt, dass er wisse, dass er nichts weiß. Trotz der Unterschiede nennen wir heute sowohl die Vorsokratiker als auch Sokrates Philosophen.
Mit Platons Akademie – Platon war Schüler des Sokrates – schließlich, einer Lehranstalt für Teile der Athener Oberschicht, kann man Philosophen als Universalgelehrte betrachten. Zwar waren auch schon die vorsokratischen Pythagoreer und Thales große Mathematiker, doch an der Akademie wurden erstmals unterschiedlichste Wissensgebiete unter dem Dach der Philosophie gelehrt. Ein Philosoph der Akademie war nicht bloß Ethiker, Metaphysiker und Erkenntnistheoretiker, sondern meist auch Wissenschaftler im damaligen Sinne.
Während des christlichen Mittelalters war die Philosophie im Wesentlichen die Magd der Theologie. Sie beschäftigte sich mit Gott und einem gottgefälligen Leben. Zugleich wurde sie an den ersten Universitäten, die aus christlichen Klosterschulen hervorgegangen sind, als Metadisziplin etabliert.
Während der Neuzeit, als sich Wissenschaft und Philosophie vom Christentum emanzipierten, wurden Ideen der Antike aufgegriffen und weiterentwickelt, sowie der Philosophiebegriff neu bestimmt. Im 18. Jahrhundert nennt Kant vier Grundfragen der Philosophie: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ Die letzte Frage beinhaltet die ersten drei. Insbesondere die ersten beiden Fragen scheinen heute noch konstituierend zu sein. Die kantische Trennung von Theorie und Praxis bestimmt auch heute die Studienstruktur. Theoretische Philosophie beschäftigt sich hauptsächlich erkenntnistheoretisch mit der Frage „Was kann ich wissen?“ und praktische Philosophie mit der Frage „Was soll ich tun?“, wobei hier auch gesellschaftliche und politische Perspektiven impliziert sind.
Im 20. Jahrhundert betrachtete Wittgenstein die Philosophie als Krankheit. Probleme der Philosophie seien entweder wissenschaftliche Probleme oder Scheinprobleme. Eine Analyse der Sprache soll laut der Meinung mancher analytischer Philosophen die Scheinprobleme auflösen. Hieraus hervorgegangen ist die analytische Philosophie, doch diese transzendiert heute häufig die Wittgenstein’sche Auffassung der Philosophie als Krankheit. Manche analytische Philosophen verfolgen sogar transzendentalphilosophisch-kantische Ansätze. Wichtig erscheint auf jeden Fall der sprachkritische Zug des 20. Jahrhunderts. Philosophie ist hier häufig eine hermeneutische Analyse der Sprache. Handlungstheorie beispielsweise beschäftigt sich aus sprachlicher Perspektive mit Fragen des freien Willens und von Handlungen. Aus der Erkenntnistheorie ist die Wissenschaftstheorie hervorgegangen, die fragt, wie Wissenschaft funktioniert und wie sich Wissenschaft von Pseudowissenschaften, Kunst und Praxis abgrenzt. Sie wird häufig auch in anderen Wissenschaften gelehrt oder behandelt, so ist sie Grundlage psychologischer Theoriebildung, ohne dort als genuin philosophisch betrachtet zu werden.
Die geschichtliche Herangehensweise kann einem sicherlich manchen Aufschluss geben, doch auch sie bietet Tücken, denn an der dargelegten Entwicklung lässt sich erkennen, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen sind oder Aspekte ausgelagert wurden, so dass man die Frage danach, was Philosophie ist, nicht rein historisch klären kann.

Methodische Herangehensweise und Grenzen

Vergleicht man die philosophische Methodik mit der Methodik der Naturwissenschaft, so erkennt man, dass die Philosophie meist nicht mit empirischen Messdaten operiert. Die Philosophie nutzt eher keine mathematische Modellbildung, sondern ist als Metadisziplin denkbar. Sie fragt, was das Denken macht und bedeutet. In der Philosophie beschäftigt sich das Denken zu einem Großteil unabhängig von Erfahrung mit sich selbst. Die Philosophie klärt Begriffe und versucht in der Metaphysik, das Bild, das die naturwissenschaftliche, aber auch geisteswissenschaftliche und alltägliche Empirie malt, in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie fragt danach, ob es einen Gott gibt, wie Wissenschaft funktioniert und in der Ethik, was gut ist. In vielen Bereichen hat sie Berührungspunkte mit Religionen, die das Weltganze in einen größeren Zusammenhang des Glaubens stellen, doch im Unterschied zu Religionen ist die Philosophie ergebnisoffen. Mit Glaubenssätzen wird eher gespielt, als dass sie als unumstößlich anerkannt werden, doch gibt es auch religiöse Philosophien.
Aufgrund der etymologischen Herangehensweise und des historischen Wandels ist aber auch die methodologische Begriffsklärung allein nicht sinnvoll. Philosophie entzieht sich einer einfachen Begriffsbildung und die Antwort auf die Frage, was Philosophie ist, ist selbst Philosophie und abhängig von eigenen Werten und Interpretationen. Vielleicht gibt es bald auch empirisch ausgerichtete Philosophen.

Pluralismus und eigene Perspektive

Philosophischer Versuch: Philosophie ist eine pluralistische, leidenschaftliche Disziplin des Denkens, des Staunens und der Praxis mit unterschiedlichster Methodik und Zielsetzung. Geschichtlich und methodologisch ist sie eine akademische Metadisziplin und die Mutter aller Wissenschaften. Auch heute wäre sie als Studium Generale sinnvoll. Häufig geht sie mit einem großen Wunsch danach einher, die Welt und das Mensch-Sein selbst zu verstehen und alles in einen Zusammenhang und eine Ordnung zu bringen. Sie hat Berührungspunkte mit allen Wissenschaften, Kunst, Literatur, aber auch mit Religion und Ethik. Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck. Ein Philosoph nutzt nicht nur Erkenntnisse, sondern er liebt die Wahrheit auch dann, wenn sie keinen Nutzen hat. Philosophie hat verschiedene Strömungen und ist häufig Ausdruck von individuellen Lebensgefühlen. Philosophie kann streng logisch, logikfeindlich oder beides zugleich sein. Philosophie ist mit jeder anderen Disziplin und mit dem alltäglichen Leben zu verknüpfen. Ob es sportliche/helfende/technische Praxis, Natur-, Geisteswissenschaft oder Kunst ist: Die Philosophie lässt sich mit all diesen Bereichen verbinden. Auch ein Mensch, der sich nie akademisch mit Philosophie beschäftigt hat, kann ein großer Philosoph sein und sich selbst beispielsweise in individuellen Selbsterfahrungen suchen. Aufgrund der Reichweite der Philosophie muss jeder Mensch selektieren und es wäre einfältig, einen Philosoph nach seinem akademischen Abschluss oder denkerischen Können zu beurteilen, auch wenn ein Philosophie-Studium oft auf philosophisches Interesse verweist. Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens. Popper sagt, dass jeder Mensch ein Philosoph sei, das ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber fast jeder Mensch hat das philosophische Potential, sich um Weisheit zu bemühen, wobei ich bewusst offen lasse, was Weisheit ist.