zu Karsten Zamzows Essay "Was ist Philosophie?"
Eine Kritik oder Rezension eines Essays ist ein schwieriges
Unterfangen, denn es geht in einem Essay, wenn nicht die Form
akademischer Arbeit, sondern die literarische Gattung gemeint ist, nicht
um abfragbares Wissen. Neben Stringenz und formalen Kriterien ist
insbesondere auch Kreativität und Originalität wichtig. Fast fühle ich
mich beim Schreiben einer Rezension zu Karsten Zamzows Essay wie ein
Deutsch-Lehrer, der eine Arbeit bewertet. Ich merke gleich: Ich könnte
kein Lehrer in einem geisteswissenschaftlich-orientierten Fach sein. Bei
Mathematik ist es für einen geübten Mathematiker einfach, fair zu sein,
da es klare, eindeutig operationalisierbare Kriterien für richtig und
falsch gibt. Die Bewertung eines Essays zum Thema, was Philosophie sei,
muss aber notwendig subjektiv sein und läuft immer Gefahr, unfair zu
sein. Schon meine Wahrnehmung ist durch meine eigene Perspektive
bestimmt. Wenn Einstein sagt, dass die Theorie bestimmt, was wir
beobachten können, so ist das für die Geisteswissenschaften und Künste
fast noch wichtiger als für die Naturwissenschaften. Sicherlich könnte
ich streng versuchen, allgemeine Bewertungskriterien zu finden, aber
selbst die Auswahl dieser Kriterien wäre subjektiv, deshalb nehme ich
von der Lehrerperspektive Abstand und schreibe eine bewusst subjektive
Rezension, die exegetisch angereichert ist:
Soll ich mit einer reinen Inhaltsangabe anfangen? Nein, denke ich mir!
Wer diese Rezension liest, kann auch den Essay selbst lesen und
verstehen!
Gleich zu Anfang weist Karsten Zamzows auf die Inkommensurabilität
verschiedener Philosophie-Begriffe hin und folgert, dass er einen
eigenen Philosophie-Begriff entwickeln müsse. Das weckt insbesondere das
Interesse von Lesern, die schon eine Vorstellung von
Philosophie-Begriffen haben und neue Akzente kennen lernen möchten. Das
gilt auch für mich. Ich möchte weiterlesen!
Er stellt dar, dass der Nutzen von Philosophie subtil ist, nicht
augenscheinlich. Ein Philosoph betrachte die Welt aus einer globalen
Perspektive und sei eher ein Sonderling, über den so mancher lacht. Dies
scheint auch der Etymologie zu entsprechen, denn das griechische Philos
verweist in manchen Wörtern auf jemanden, der sich so sehr für etwas
interessiert, dass es manch anderen skurril erscheint. Ja. Vielen
Menschen erscheinen Philosophen wie Freaks. „Was Du studierst
Philosophie?“ „Was macht man denn damit?“ „Und was wird man damit?“
„Hältst Du Dich für etwas Besseres?“ Es erscheint vielen unverständlich,
dass man seine Geisteskraft in ein Fach investiert, dass als trocken
und verschroben gilt und mit dem man später höchst wahrscheinlich nicht
allzu viel Geld verdienen kann. Manche werten philosophisches Interesse
auch als Arroganz, manche sogar als gefährlich oder krankhaft.
Philosophie, das ist reine Intellektualisierung, denkt sich vll. mancher
Tiefenpsychologe. Das mag teilweise stimmen. Doch schon Freud hat
darauf verwiesen, dass die Genese einer Geistesanschauung wenig bis
nichts über deren Korrektheit aussagt.
Ein Philosoph betrachte die Welt mit einigem Abstand – schön
allegorisch dargestellt – und Philosophie sei, auch als praktische
Philosophie Theorie, schreibt Zamzow. Hier kann ich folgen, möchte aber
auch anmerken, dass man genauso sagen könnte, dass auch theoretische
Philosophie immer Praxis ist: Jedes Denken braucht ebenso wie eine
andere Handlung Zeit, für deren Verwendung sich entschieden wird. Das
Denken bereitet außerdem oft eigene Handlungen vor und wird es
publiziert, so bekommt es eine gesellschaftliche oder sogar politische
Funktion
Weiter schreibt Zamzow, dass der Philosoph eine eigene Sprache
spricht und Begriffe erschließt. Hier liegt meiner Ansicht nach etwas
Wichtiges verborgen, denn die Philosophie erschließt Begriffe und
Begriffe erschließen unsere Welt. Philosophie ist somit auch
Welterschließung, außerdem verweist er auf die Frage nach den
Bedingungen der Möglichkeit von etwas. Hier zeigt sich kantischer und
analytischer Einfluss und ich gehe voll und ganz d’Accord. Über die
empirische Fassbarkeit möchte ich kantisch noch einmal erwähnen, dass
die Begriffe, selbst wenn sie sehr abstrakt sind, sich auf Anschauungen
beziehen und diese Ordnen. Die Begriffe haben eine Ordnungsfunktion im
Empirischen. Selbst Wörter wie „Kausalität“ und „Gott“ beziehen sich auf
die sinnlich wahrnehmbare Welt.
Zamzows Aussage, dass der Philosoph die Welt zunächst als Mögliches
betrachtet, verweist auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und auch auf
den Existentialismus. Sie ist ein Hinweis darauf, dass die Philosophie
kreativ ist. Ein Philosoph ist in die Kontingenz geworfen. Er zweifelt
an Autoritäten, er bekommt keine Methodologie vorgegeben, der er
notwendig folgen muss, sondern er denkt über den Tellerrand hinaus und
schafft sich seine eigenen Interpretationen. Seine Vernunft ist nicht
rein instrumentell.
Weiter schreibt Zamzow, dass ein Philosoph auf der Suche nach
Orientierung und Sinn ist. Dies erscheint für manche
Philosophie-Begriffe zentral. Ein Nicht-Philosoph springt aus dem
Absurden, würde Camus sagen: Ab in die Religion oder in irgendeine
geordnete Weltanschauung. Der Philosoph dagegen liebt Welten, die nicht
fundamental geordnet sind, da er die meisten Ordnungsversuche als
Scheinlösungen betrachtet. Philosophischer Diskurs ist infinit denkbar
und so könnten Milliarden Essays folgen. Nahezu jeder dürfte es wert
sein, gelesen zu werden, doch vermutlich wird niemand die Frage nach dem
Wesen der Philosophie je abschließend beantworten. Zamzow ist sich
dessen bewusst und schafft mit seinem Essay eine eigene persönliche
Perspektive, die ich gerne gelesen habe, auch wenn ich nicht finde, dass
die Bezeichnungen Schriftsteller und Philosoph notwendig etwas Elitäres
haben müssen. Ob jemand in der Tonne oder im Penthouse wohnt, mag
politisch bedeutsam sein, aber die Philosophie sollte unabhängig davon
inhaltlich betrachtet werden. Berufsphilosophie ist für mich eher
deshalb ein Problem, weil sie dazu führt, dass eine Metadisziplin zur
Fachdisziplin wird. Philosophie sollte nicht ausgelagert werden, sondern
in Diskurse integriert sein.
Mittwoch, 11. Juli 2012
Rezension (Zamzow)
zu Mathias Assmanns Essay "Was ist Philosophie?"
In seinem Essay unternimmt es Assmann, die Frage, was
Philosophie sei, mithilfe verschiedener Herangehensweisen zu
klären (etymologische, historische, methodische und schließlich
philosophische). Insgesamt tritt er vor allem als Referent dessen
auf, was man als abendländische Philosophietradition bezeichnen
könnte. Seine Äußerungen zur Philosophie-Historie nehmen den
größten Raum ein. Er geht auf die Vorsokratiker, auf Sokrates,
Kant, Wittgenstein, viele weitere und vieles mehr ein, skizziert kurz, schneidet an,
fährt fort, springt weiter. Muss er aber, um die Philosophie
historisch betrachten zu können, nicht schon einen bestimmten
Philosophie-Begriff voraussetzen? Müsste er, indem er schreibt, dass
sich historisch nicht klären lasse, was die Philosophie sei, nicht
schon wissen, worauf er hinauswill? Assmann schreibt, dass zur
Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen und andere ausgelagert
worden seien, um zu begründen, dass aufgrund der verschiedenen
historischen Zuschreibungen keine genaue Begriffsbestimmung möglich sei. Er versucht in diesem Abschnitt noch nicht, den Begriff zu
bestimmen, sondern scheint von einem unartikulierten Vorverständnis
auszugehen, so dass unklar bleibt, von welcher Grundlage er ausgeht. Was ist ein Keks?
Die historische Herangehensweise lehrt uns: Es gab Zeiten, in denen
als Keks (Philosophie) galt, was heute unter Kuchen (Wissenschaft)
firmiert. Aber was ist nun der Keks? Mit anderen Worten: Ich verstehe nicht, warum Assmann versucht, sich dem Gegenstand seines Essays, der wohl nur philosophisch erschlossen werden kann, anders als philosophisch zu nähern.
Nachdem Assmann recht summarisch, mehr berichtend als
eigentlich urteilend verfahren ist, widmet er sich der
Fragestellung im letzten Abschnitt seines Essays philosophisch. Ich behaupte jedoch, dass er in den vorhergehendne
Abschnitten längst philosophiert hat, philosophieren musste, allerdings ohne dies
offenzulegen. Er betont die philosophische Pluralität, wagt jedoch
eine, wenn auch zurückhaltende Antwort auf die Ausgangsfrage:
"Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens."
Assmanns Respekt vor der Vielfalt dessen, was unter Philosophie
verstanden werden kann, wird hier deutlich. Er mutet sich
nicht zu, die Ausgangsfrage mit einem Satz wegzuwischen, was dem
Gegenstand angemessen ist. Daher das "vielleicht". Andererseits bestimmt er den
Begriff de facto. Diese
doppelte Rücksichtnahme, zum Einen auf das, was er selbst unter
Philosophie versteht, und zum Anderen auf das, was "im
Allgemeinen" darunter verstanden wird, verunmöglicht Assmann die Begriffsbestimmung. Ich bin mir nicht sicher, ob es
unbedingt redlich ist, diese zwischen Besonderem und Allgemeinem
vermittelnde Position einzunehmen. Fruchtbarer wäre es wahrscheinlich, die Frage von vornherein
für sich zu beantworten und dies kenntlich zu machen. An dieser
Stelle scheint mir keine tiefe philosophische Weisheit, sondern ein
platter Gemeinspruch das Wesentliche zu treffen: Man kann es nicht
allen (Auffassungen darüber, was Philosohie sei) recht machen.
Assmann schreibt:
"Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund
der Liebe zur Weisheit Selbstzweck." Hier sieht es so aus, als
würde er Wahrheit und Weisheit gleichsetzen. Leuchtet das ein? Ebenso
ist unklar, was es mit der "Liebe zur Weisheit" eigentlich auf
sich hat, denn er schreibt ja selbst, dass dieser Begriff vielerlei
Verwendung finden könne: "Mit Weisheit könnten auch
religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder
sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein."
Diese Unbestimmtheit bzw. Unterbestimmtheit von Begriffen, die selbst
wiederum philosophischer Klärung bedürften, macht es für mich
schwierig, Assmanns Text zu folgen, auch wenn mir viele seiner
Gedanken vertraut sind. Er beweist ein großes Wissen
und versteht es, dieses auszubreiten. Die Darstellung wirkt jedoch teilweise recht deklamatorisch (Philosophie hat ... Philosophie kann ... Philosophie ist ... Philosophie ist ...) und einführungswerkklappentextmäßig. Besonders im letzten, dem wichtigsten Abschnitt reiht sich ein Satz an den anderen, ohne dass diese sich einander viel zu sagen hätten. Vielleicht wäre hier - um einen weiteren Gemeinspruch einzustreuen - weniger mehr gewesen.
Montag, 9. Juli 2012
Was ist Philosophie? (Zamzow)
von Karsten Zamzow
Die Frage danach, was Philosophie sei,
suggeriert, dass es so etwas wie die Philosophie gebe. Das
Erste, was dem jungen Menschen jedoch auffällt, wenn er sich der
Philosophie zuwendet, ist die Vielfalt der philosophischen
Strömungen. Lässt sich ein Kriterium (oder mehrere) ausmachen, das
von all diesen Strömungen erfüllt wird? Zu bedenken gibt, dass sich
verschiedene philosophische Schulen gegenseitig das Existenzrecht
absprechen, was darauf hinzuweisen scheint, dass jemand, der von der
Philosophie spricht, dies nur aus einer
harmonisierend-oberflächlichen Außenperspektive tun kann. Die
Beantwortung der Ausgangsfrage wird davon abhängen, ob es mir
gelingt, das alle Philosophien Verbindende herauszuarbeiten, ohne sie
für diesen Eingriff zu verstümmeln und zurechtzufälschen. Ist ein
solches Unterfangen möglich? Kann man sich mit dieser Frage
beschäftigen, ohne nicht schon zu philosophieren, also auch schon
auf eine gewisse Weise zu philosophieren? Worauf könnte sich diese
Weise wiederum zurückführen lassen? Es hilft nichts, ich werde
selbst einen Begriff von Philosophie entwickeln müssen. Die
Vorstellung, man könne alle philosophischen Strömungen abklappern,
um so den Begriff der Philosophie gewissermaßen empirisch zu
eruieren, ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.
Ich möchte damit beginnen, dass ich
danach frage, was einen sogenannten Philosophen von einem
intelligenten Menschen ohne Philosophie unterscheidet. Während der
Wert der Intelligenz als unbezweifelt dasteht und viele Eltern den
größten Wert darauf legen, dass ihr Kind eine gute Schule besucht,
gilt die Philosophie eher als suspekt, obwohl kaum jemand die These
vertreten dürfte, dass Philosophen dumm seien. Im Gegenteil: Sie
scheinen zu sehr damit beschäftigt, den Dingen auf den Grund zu
gehen und sich gedanklich in sie hineinzuwühlen, so dass ihnen über
dieser ihrer Beschäftigung das Leben entgleitet. Man denke nur an
das Lachen der thrakischen Magd über Thales, einen der ersten großen
Philosophen, der, ganz in die Betrachtung des Sternenhimmels
vertieft, in einen Brunnen fiel. Dieses thrakische Lachen ist niemals
ganz verklungen. Oft frage ich mich auch: Was tue ich hier
eigentlich? Beispielsweise in einem Seminar über Heideggers Sein
und Zeit im letzten
Wintersemester. Das ist ja alles ganz interessant, was ihr da über
die Weltlichkeit von Welt erzählt, aber ...
In der
Tat scheint die Philosophie zu nichts nütze zu sein. Oder anders:
Ihr Nutzen ist nicht so augenscheinlich wie etwa der der
Betriebswirtschaftslehre. Das liegt daran, dass die Philosophie, im
Gegensatz zu den Wissenschaften, keinen
festen Gegenstand hat. Sie verändert nichts als eben den Menschen,
der philosophiert, während sich die Wissenschaften, in Form der
Technik, dazu nutzen lassen, die Welt praktisch umzugestalten.
Sicherlich wird ein philosophisch gebildeter Mensch anders handeln
als jemand, dem es nur um Profitmaximierung geht. Ich denke aber
nicht, dass er deshalb philosophiert, um anders zu handeln, sondern
um sich vor allem klar darüber zu werden, warum er handelt, wie er
handelt. Auch die sogenannte praktische Philosophie ist Theorie. Sie
liefert die theoretischen Grundlagen für ein gutes Handeln. Handeln
muss der Mensch immer noch selbst. Kant sagt zwar, dass es unter
allen Umständen unmoralisch sei, zu lügen. Damit gibt er jedoch
keine stupide Handlungsanweisung, kein "Du sollst". Denn
die Forderung, nicht zu lügen, hängt auf's Engste mit Kants
Moralphilosophie zusammen und ist ohne diese nicht zu verstehen
(Stichwort kategorischer Imperativ).
Philosophie
ist also Theorie. Mit dieser Bestimmung lässt sich, denke ich, ihr
zweifelhafter Ruf erklären. Vielleicht ist an dieser Stelle ein
Vergleich angebracht. Man stelle sich einen Touristen vor, der vor
der Wand eines Schlosses steht, so nah, dass er sich beinahe die Nase
an dem alten Ziegelsteinen eindrückt. Der Aufforderung, doch bitte
etwas zurückzutreten, um die Schönheit des Schlosstores besser
bewundern zu können, kommt er gerne nach. Der Philosoph ist nun mit
jemandem zu vergleichen, der bis in den rund dreihundert Meter
entfernten Schlosspark geht, um das Schloss in seiner Gesamtheit
überblicken zu können. Dort liegt viel Müll herum und auf die
vollgesprühte Bank mag er sich nicht setzen. Doch er ist froh, das
Schloss in seiner Totalität zu sehen, wie er der Krähe anvertraut,
die ihm ihre Gunstbezeigung auf den Kopf setzt. Wie jeder Vergleich
hinkt auch dieser. Doch glaube ich, das Eigentümliche der
philosophischen Betrachtung illustriert zu haben, das darin besteht,
den Dingen näher zu kommen, indem man von ihnen Abstand nimmt. Unser
Philosoph wird der letzte sein, der das Schlosstor durchschreitet, in
diesem Sinn ist sein Tun weltfremd, unpraktisch. Aber gerade dieser
Abstand ermöglicht es ihm, über das Schloss Aussagen zu treffen,
die jemandem, der direkt vor diesem steht, nicht möglich wären.
Und
warum ist dieser Betrachter aus der Ferne nun ein Philosoph und nicht
etwa ein Architekt? Ich denke, dass sich der Philosoph dadurch zu
erkennen geben wird, dass er eine bestimmte Sprache spricht, die
nicht umittelbar einleuchtet, also gelernt werden muss. Nun ist
dieser Umstand an und für sich noch nichts Besonderes, denn jede
Wissenschaft prägt ihre eigene Sprache. Das Besondere
philosophischer Begriffe besteht indes darin, dass sie
Erschließungskategorien sind, die keinen festen Anwendungsbereich
haben. Wenn der Architekt über seine Tätigkeit redet, wird er den
engen Raum seines Gesichtskreises nicht überschreiten können, ohne
dass seine Rede ihres Sinnes verlustig ginge. Es lässt sich schlecht
Kosmologie treiben, wenn man nur von Dachböden reden kann. Der
Philosoph hingegen vermag grundsätzlich über alles zu reden, ein
Umstand, der ihm viele böse Blicke einhandeln kann. Denn er weiß in
der Regel nicht besonders viel, was die Fakten angeht, hat jedoch ein
ausgeprägtes Gespür dafür, ob Begrifflichkeiten widerspruchslos
verwendet werden, Argumentationen schlüssig sind etc. Man denke nur
an die Diskussionen über die Hirnforschung.
Was ich oben Erschließungskategorie
genannt habe, ist ein anderes Wort für Begriff. Und hiermit sind wir
bei einer weiteren Besonderheit des philosophischen Denkens. Denn
Philosophie erschöpft sich nicht darin, Fehler und Unklarheiten
aufzuspüren: sie ist ebenso ein schöpferisches Unterfangen, eine
Kunst. Deleuze sagt, dass Philosophie die Kunst sei, Begriffe zu
erfinden. Damit trifft er einen wichtigen Punkt, auch wenn die
Polemik nicht übersehen werden darf, die in dieser Definition
steckt. Was die Rede der Philosophen so unverständlich macht, sind
ihre Begriffe, die in der Regel nicht zum allgemeinen Wortschatz
gehören. Jeder Philosoph verfügt über seine eigene
Begrifflichkeit. So spricht Platon von den Ideen, Kant von den
synthetischen Urteilen a priori, Nietzsche vom Willen zur Macht -
lauter begriffliche Kunstwerke! Philosophische Begriffe spielen
jedoch auch im Selbstverständnis eines jeden Menschen eine
nicht unwesentliche Rolle. Lebe ich frei oder fremdbestimmt?
Dürfen wir den Einwanderern eine menschenwürdige Behandlung
vorenthalten? Lässt es sich
ethisch vertreten, Tiere zu Konsumzwecken zu töten?
Ob Freiheit, Menschenwürde oder Ethik:
all diese Begriffe erhalten ihren Sinn einzig dadurch, dass man über
sie diskutiert. Sie existieren ausschließlich in der Sprache. Es
gibt keinen empirisch fassbaren Gegenstand, der ihnen entspräche.
Das Besondere der Philosophie scheint mir darüber hinaus zu sein,
dass sie nach der Bedingung der Möglichkeit fragt. Also: Wie
ist Freiheit, wie Menschenwürde, wie Ethik möglich? Ja vielleicht
ließen sich sogar alle philosophischen Fragen auf die folgende
zurückführen: Wie ist etwas möglich? Wobei für "etwas"
alles nur Erdenkliche eingesetzt werden kann. In diesem Punkt bin ich
mir jedoch unsicher. Was ich zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass
der Philosoph die Welt in erster Linie nicht als etwas Wirkliches,
sondern als etwas Mögliches betrachtet, also als etwas, das auch
anders sein könnte. Ich denke, dass jede Betrachtungsweise, die sich
darauf beschränkt, bloß das vermeintlich Gegebene zu
berücksichtigen, die menschliche Wirklichkeit verfehlen muss. Denn
der Mensch ist eine eigentümliche Synthese aus Freiheit und
Faktizität. Wer die Freiheit überbetont, vernachlässigt die
Bedingtheiten seines Handelns. Und wer alles Treiben auf die
Faktizität zurückführt, hat es nicht mehr mit Menschen, sondern
anthropomorphen Automaten zu tun.
Da huschte er kurz vorbei, der Mensch.
Welche Bedeutung kommt der Philosophie für den Philosophierenden zu?
Oben schrieb ich, dass die Philosophie nichts verändere als
denjenigen, der philosophiert. Wie kann das sein? Ich denke, dass
Philosophie als ein Denken verstanden werden kann, das den Menschen
in seinem ganzen Sein umtreibt. Er beschäftigt sich nicht mit
Detailfragen oder Problemen seines tagtäglichen Fortkommens, sondern
stellt sich gleichsam vor sich selbst hin, um sich und alle Dinge zu
befragen. Darin, dass das philosophische Denken auf's Ganze geht,
ähnelt es dem Gebet. Sicherlich kann man auch einen weniger
emphatischen Begriff des Philosophierens vertreten, doch denke ich,
dass alles ursprüngliche Philosophieren damit beginnt, dass sich der
Mensch wundert und erstaunt in eine Welt blickt, die ihm bisher als
das Allerselbstverständlichste gegolten hat. Der Blick des
Philosophen ist der Blick eines Fremden. Seine Sehnsucht ist, eines
Tages zurückzukehren und sich wieder heimisch zu machen,
geläuterter, gelassener, selbst gleichgültiger, nachdem er seinen
langen Lauf vollendet hat, seinen Lauf durch den Geist. Wird er
jemals ankommen?
Das eine ist das Philosophieren, das
andere die Philosophie: das, was sich gewissermaßen abgelagert hat.
In Büchern, Institutionen, Vorurteilen. In der Antike blickten die
Philosophen verächtlich auf die Sophisten, weil diese für ihre
Weisheiten Geld verlangten. Heute haben wir es mit Berufsphilosophen
zu tun, die davon leben, was sie denken. Aus diesem Umstand ergeben
sich eine ganze Reihe von Problemen, die mit dem eigentlichen
Philosophieren, wie ich es verstehe, nichts zu tun haben. So wagte es
etwa im letzten Wintersemester ein Student, die Ergebnislosigkeit der
Philosophie zu kritisieren. Er wollte Resultate sehen, handfeste. Ich
weiß nicht, ob sein Einwand unbedingt als unberechtigt
zurückgewiesen werden muss, was mir aber übel aufstieß, war die
Reaktion der Dozentin. "Dann müssen Sie sich ernsthaft fragen,
warum sie Philosophie studieren. Wozu sitzen Sie eigentlich hier?"
So fragt jemand, der sein Revier gegen Eindringlinge abzuschirmen
drängt, jemand, der meint, etwas zu sein, eben eine
Philosophin. Nichts dünkt mir törichter, als sich für einen
Philosophen zu halten. Ich ziehe es vor, jemand zu sein, der
philosophiert, ohne Philosoph, und der schreibt, ohne Schriftsteller
zu sein. Das ist eine Frage der Souveränität. Wer Philosoph ist,
muss immer denken und zu allem Überfluss auch noch als
Parteimann oder -frau auftreten. Nur so kann ich mir Aussagen wie die
meiner Dozentin erklären. Das ist mein Brot nicht.
Was ist Philosophie? (Assmann)
von Mathias Assmann (Link: rescogitans.de)
Etymologische Herangehensweise und Grenzen
Jeder Schüler, der Philosophie in der Schule hatte, weiß, was Philosophie ist: Die Liebe zur Weisheit. Etymologische Stichworte: Griechischer Herkunft, Philos = Freund, Sophia = Weisheit. Danke. Thema abgehakt.
Fragt man Menschen, die sich intensiv mit dem befassen, was Philosophie ist, ist die Antwort häufig komplexer und meist individuell verschieden. Klar, die Etymologie bietet beim Wort Philosophie erste Anhaltspunkte und kann einem oft helfen, wenn man die Bedeutung eines unbekannten Wortes aufklären möchte z.B., wenn man als Jugendlicher wissen möchte, was Biologie ist: Biologie ist die Wissenschaft (logos= Wort/Lehre, bios= Leben) vom Belebten. Bei Philosophie gestaltet sich eine etymologische Herangehensweise allerdings als schwieriger, da zum einen der Ausdruck „Sophia“ auf unterschiedlichste Begriffe verweist und zum Anderen die Philosophie geschichtlich unterschiedlichste Methoden und Anwendungsgebiete entwickelt hat und es verschiedene Philosophie-Begriffe gibt, die teilweise Schnittmengen haben, sich teilweise aber auch gegenseitig ausschließen.
Mit Weisheit könnten auch religiöse, erfahrungswissenschaftliche, juristische oder sprachwissenschaftliche Wissens- und Erfahrungsgebiete gemeint sein. Sophisten im antiken Griechenland unterrichteten unterschiedlichste Fächer und wurden von Platon deutlich von Philosophen abgegrenzt. Auch ein goethischer Faust, der jeglicher Lehre abgeschworen hat und im Taumel des Lebens fernab vom Gelehrten-Dasein erkennen möchte, was das Mensch-Sein ausmacht, kann als Philosoph betrachtet werden. Also: Eine rein etymologische Herangehensweise reicht zur Begriffsklärung nicht aus.
Geschichtliche Herangehensweise und Grenzen
Geschichtlich kann man den Anfang der Philosophie bei den Vorsokratikern verorten. Diese Denker versuchten im Gegensatz zu religiösen Denkern das Weltgeschehen nicht auf Beseeltes (Animismus), sondern auf universale Prinzipien zurückzuführen. So kann man hier auch den Anfang der Naturwissenschaft sehen. Diese Naturphilosophen interessierten sich meist nicht für praktische Philosophie, nicht für Ethik oder die Frage, was man tun soll, sondern dafür, wie die Welt funktioniert. Der grundlegende Unterschied zur heutigen Naturwissenschaft lag in der Methodik, denn das Denken der Vorsokratiker war eher hermeneutisch als empirisch geprägt.
Mit Sokrates wurde schließlich die Frage der praktischen Philosophie wichtig, was das gute Leben sei. Sokrates war weniger Naturphilosoph als ein Mann, der an ethischen Fragen interessiert war. Seine Methode war die Mäeutik, ein Versuch, durch Fragen zu Erkenntnissen zu gelangen. Außerdem kann man ihn als Begründer eines methodischen Skeptizismus betrachten, wenn er sagt, dass er wisse, dass er nichts weiß. Trotz der Unterschiede nennen wir heute sowohl die Vorsokratiker als auch Sokrates Philosophen.
Mit Platons Akademie – Platon war Schüler des Sokrates – schließlich, einer Lehranstalt für Teile der Athener Oberschicht, kann man Philosophen als Universalgelehrte betrachten. Zwar waren auch schon die vorsokratischen Pythagoreer und Thales große Mathematiker, doch an der Akademie wurden erstmals unterschiedlichste Wissensgebiete unter dem Dach der Philosophie gelehrt. Ein Philosoph der Akademie war nicht bloß Ethiker, Metaphysiker und Erkenntnistheoretiker, sondern meist auch Wissenschaftler im damaligen Sinne.
Während des christlichen Mittelalters war die Philosophie im Wesentlichen die Magd der Theologie. Sie beschäftigte sich mit Gott und einem gottgefälligen Leben. Zugleich wurde sie an den ersten Universitäten, die aus christlichen Klosterschulen hervorgegangen sind, als Metadisziplin etabliert.
Während der Neuzeit, als sich Wissenschaft und Philosophie vom Christentum emanzipierten, wurden Ideen der Antike aufgegriffen und weiterentwickelt, sowie der Philosophiebegriff neu bestimmt. Im 18. Jahrhundert nennt Kant vier Grundfragen der Philosophie: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ Die letzte Frage beinhaltet die ersten drei. Insbesondere die ersten beiden Fragen scheinen heute noch konstituierend zu sein. Die kantische Trennung von Theorie und Praxis bestimmt auch heute die Studienstruktur. Theoretische Philosophie beschäftigt sich hauptsächlich erkenntnistheoretisch mit der Frage „Was kann ich wissen?“ und praktische Philosophie mit der Frage „Was soll ich tun?“, wobei hier auch gesellschaftliche und politische Perspektiven impliziert sind.
Im 20. Jahrhundert betrachtete Wittgenstein die Philosophie als Krankheit. Probleme der Philosophie seien entweder wissenschaftliche Probleme oder Scheinprobleme. Eine Analyse der Sprache soll laut der Meinung mancher analytischer Philosophen die Scheinprobleme auflösen. Hieraus hervorgegangen ist die analytische Philosophie, doch diese transzendiert heute häufig die Wittgenstein’sche Auffassung der Philosophie als Krankheit. Manche analytische Philosophen verfolgen sogar transzendentalphilosophisch-kantische Ansätze. Wichtig erscheint auf jeden Fall der sprachkritische Zug des 20. Jahrhunderts. Philosophie ist hier häufig eine hermeneutische Analyse der Sprache. Handlungstheorie beispielsweise beschäftigt sich aus sprachlicher Perspektive mit Fragen des freien Willens und von Handlungen. Aus der Erkenntnistheorie ist die Wissenschaftstheorie hervorgegangen, die fragt, wie Wissenschaft funktioniert und wie sich Wissenschaft von Pseudowissenschaften, Kunst und Praxis abgrenzt. Sie wird häufig auch in anderen Wissenschaften gelehrt oder behandelt, so ist sie Grundlage psychologischer Theoriebildung, ohne dort als genuin philosophisch betrachtet zu werden.
Die geschichtliche Herangehensweise kann einem sicherlich manchen Aufschluss geben, doch auch sie bietet Tücken, denn an der dargelegten Entwicklung lässt sich erkennen, dass zur Philosophie häufig neue Aspekte hinzugekommen sind oder Aspekte ausgelagert wurden, so dass man die Frage danach, was Philosophie ist, nicht rein historisch klären kann.
Methodische Herangehensweise und Grenzen
Vergleicht man die philosophische Methodik mit der Methodik der Naturwissenschaft, so erkennt man, dass die Philosophie meist nicht mit empirischen Messdaten operiert. Die Philosophie nutzt eher keine mathematische Modellbildung, sondern ist als Metadisziplin denkbar. Sie fragt, was das Denken macht und bedeutet. In der Philosophie beschäftigt sich das Denken zu einem Großteil unabhängig von Erfahrung mit sich selbst. Die Philosophie klärt Begriffe und versucht in der Metaphysik, das Bild, das die naturwissenschaftliche, aber auch geisteswissenschaftliche und alltägliche Empirie malt, in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie fragt danach, ob es einen Gott gibt, wie Wissenschaft funktioniert und in der Ethik, was gut ist. In vielen Bereichen hat sie Berührungspunkte mit Religionen, die das Weltganze in einen größeren Zusammenhang des Glaubens stellen, doch im Unterschied zu Religionen ist die Philosophie ergebnisoffen. Mit Glaubenssätzen wird eher gespielt, als dass sie als unumstößlich anerkannt werden, doch gibt es auch religiöse Philosophien.
Aufgrund der etymologischen Herangehensweise und des historischen Wandels ist aber auch die methodologische Begriffsklärung allein nicht sinnvoll. Philosophie entzieht sich einer einfachen Begriffsbildung und die Antwort auf die Frage, was Philosophie ist, ist selbst Philosophie und abhängig von eigenen Werten und Interpretationen. Vielleicht gibt es bald auch empirisch ausgerichtete Philosophen.
Pluralismus und eigene Perspektive
Philosophischer Versuch: Philosophie ist eine pluralistische, leidenschaftliche Disziplin des Denkens, des Staunens und der Praxis mit unterschiedlichster Methodik und Zielsetzung. Geschichtlich und methodologisch ist sie eine akademische Metadisziplin und die Mutter aller Wissenschaften. Auch heute wäre sie als Studium Generale sinnvoll. Häufig geht sie mit einem großen Wunsch danach einher, die Welt und das Mensch-Sein selbst zu verstehen und alles in einen Zusammenhang und eine Ordnung zu bringen. Sie hat Berührungspunkte mit allen Wissenschaften, Kunst, Literatur, aber auch mit Religion und Ethik. Wahrheit ist in der Philosophie kein Mittel, sondern aufgrund der Liebe zur Weisheit Selbstzweck. Ein Philosoph nutzt nicht nur Erkenntnisse, sondern er liebt die Wahrheit auch dann, wenn sie keinen Nutzen hat. Philosophie hat verschiedene Strömungen und ist häufig Ausdruck von individuellen Lebensgefühlen. Philosophie kann streng logisch, logikfeindlich oder beides zugleich sein. Philosophie ist mit jeder anderen Disziplin und mit dem alltäglichen Leben zu verknüpfen. Ob es sportliche/helfende/technische Praxis, Natur-, Geisteswissenschaft oder Kunst ist: Die Philosophie lässt sich mit all diesen Bereichen verbinden. Auch ein Mensch, der sich nie akademisch mit Philosophie beschäftigt hat, kann ein großer Philosoph sein und sich selbst beispielsweise in individuellen Selbsterfahrungen suchen. Aufgrund der Reichweite der Philosophie muss jeder Mensch selektieren und es wäre einfältig, einen Philosoph nach seinem akademischen Abschluss oder denkerischen Können zu beurteilen, auch wenn ein Philosophie-Studium oft auf philosophisches Interesse verweist. Philosophie ist vielleicht die Praxis eines bewussten Lebens. Popper sagt, dass jeder Mensch ein Philosoph sei, das ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber fast jeder Mensch hat das philosophische Potential, sich um Weisheit zu bemühen, wobei ich bewusst offen lasse, was Weisheit ist.
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