Montag, 20. August 2012

Rezension (Assmann)

zu Karsten Zamzows Essay „Über das Schreiben“

In seinem Essay über das Schreiben behauptet Z., dass die europäische Kultur ausgebrannt sei, konstatiert eine Art kulturelle Degeneration, zieht eine Parallele zwischen der Gegenwart und Nietzsche letztem Menschen und beschreibt seine eigene Schreib-Motivation. Sein Schreiben ist Provokation, so auch in seinem Selbst-Zitat, in dem er das eigene Schreiben mit eine anzüglich-sexuellen Metapher als eine Art schnellen Akt beschreibt, der schnelle Befriedigung verschafft und nur der eigenen Bestätigung dient. Schreiben als Lust-Abfuhr in der Fast-Food-Gesellschaft. Hier kann man eine gewisse Selbst-Ironie nicht überlesen. Es ist auch eine Pardodie gegenwärtiger Kultur. In Zamzows Essay scheint eine große Unzufriedenheit mit der Gegenwart des Schreibens durch, die auch ich zumindestens partiell teilen kann. Seine Aussage über Täterprofile kann ich nicht recht einordnen. Es mag manche Menschen geben, auf die das tatsächlich zutrifft: Ich denke hier beispielsweise an Anders Breivik, aber was bedeutet es, dass man seine Spuren so durchdacht wie möglich setzen sollte. Spielt denn das eine Rolle, wenn man gar kein Täter werden will?

In einer Welt, in der der Markt regiert, braucht es niemanden mehr, der wirklich denkt. Schnelle Texte, schneller Genuss, etwas Affekte, genaue Darstellung von Sexualität. Das ist es, was es in dieser Welt Geld und Erfolg bringt. Geisteswissenschaften studiert man, um Reisen, Autos und I-Phone-Hüllen anzubieten. Wir leben in der Zeit seichter Feuchtgebiete und manch einer hat die Hoffnung, sich aus dem Absurden zu vögeln, zu kaufen oder zu verkaufen. Keine Frage, Sexualität und Unterhaltung sind wertvoll, doch führt eine Fixierung auf Genuss und Hedonismus und auf künstliche, materielle Ersatzbefriedigung niemanden weiter. Ein Sportwagen ist bloß schön, Sinn dagegen ist erfüllend. In affektiven Texten vergisst man für einen kurzen Moment die Schrecklichkeiten dieser Welt, des eigenen und fremden Daseins, die Absurdität der Umweltzerstörung und der Ausbeutung, des Krieges und des Wahnsinns. Man hält sie aber nicht auf. Auf Basis des negativen, wertenden Standpunktes zur gegenwärtigen Kultur führt Z. seine eigenen Gedanken aus, die durch diesen Standpunkt schon einer Selbstentwertung unterworfen sind.

Ich kann verstehen, dass man einen solchen Standpunkt hat, doch möchte ich auch einwerfen, dass die Kultur der Gegenwart erst retrospektiv ganz bewertet werden kann. Kafka war zu seinen Lebzeiten kein großer Autor und viele Philosophen brauchten einige Zeit, bis ihre Gedanken überhaupt aufgenommen wurden. Aber ich schweife ab und werde so Z. Essay nicht gerecht. Über dieses Selbst-Bekenntnis, das auch Ironie und Kritik ist, geht sein Essay nämlich weit hinaus. Er schreibt über identitäts- und distanzstiftende Aspekte des Schreibens. Als Beispiel für den distanzstiftenden Aspekt nennt er Goethe, der sein Leid im Werther ausgedrückt hat, diese Distanz bedeutet aber sogleich auch Identität, denn durch die Abfuhr der Gefühle, eine innere Reinigung wird man, wer man ist, erkennt man, was man fühlt und kann es loslassen und transzendieren.

Z. Essay endet mit der Frage, ob heutzutage noch jemand große Kultur spiele, mit dem Ganzen selbstzerstörerischen Ernst. Ist große Kultur selbstzerstörerisch? Vielleicht ist es schwierig, aber ist nicht das Unendlich-Seichte, das Degenerierte, was Zamzow im ersten Absatz anklingen lässt, letzendlich weit selbstzerstörerischer? Vielleicht bin ich ein unverbesserlicher Optimist, aber ich denke, es ist Hoffnung da, dass noch bewusst geschrieben wird.

Dienstag, 14. August 2012

Rezension (Zamzow)

 zu Mathias Assmanns Essay „Über das Schreiben“

In seinem Essay präsentiert sich A. als Selbstzerdenker, als hypertextualisierenden Hamlet. Er stellt sich die Frage, warum er schreibe. Wer erwartet, auf diese Frage eine harmlose Antwort zu erhalten, etwa weil es ihm Spaß mache, hat sich jedoch getäuscht. Die Skrupellosigkeit, mit der A. zu sich selbst in Distanz geht, um sich, gewissermaßen als ein Fremder gegenübertretend, szientisierend zu sezieren (oder dies zumindest vorzubereiten wie der Tiger seinen Sprung), ist verblüffend. Aber von diesen Distanzierungen distanziert er sich wiederum; er schreibt: „Psychologisch könnte ich sagen: Durch sehr gute Deutsch-Noten wurde ich zum Schreiben konditioniert. Ich wurde schlicht und einfach fast immer belohnt, wenn ich geschrieben habe.“ Er könnte es sagen, sagt er. Das Ironische hierbei ist natürlich, dass er es tatsächlich sagt. Überhaupt strotzt A.s Text von untergründigem Humor, der hier und da ans Licht kommt.

A. selbst schätzt den Wert des von ihm Geschriebenen nicht besonders hoch ein. Sollte man ihm das glauben? Deutet nicht gerade dieser Bescheidenheitsduktus darauf hin, dass er viel von sich erwartet? Dass er darum nur weniges gelten lässt und den Rest für minderwertig erklärt? Diese Einstellung ist gerechtfertigt, vielleicht sogar notwendig, hilft sie doch, der Selbstzufriedenheit, mit der alle Entwicklung aufhört, den Riegel vorzuschieben. Neuerdings kann man auf A.s Seite sogar Spaghettimonster-Girlieshirts bestellen. Damit die Girlies sich das antun, muss A. sie erst einmal dazu bringen, auf rescogitans.de zu verweilen. Und da diese Seite in erster Linie von seinen Beiträgen lebt, ist zu vermuten, dass er letztlich doch irgendetwas auf sein Schreiben hält. Oder wenigstens auf die Wirkung dieses Schreibens, die nicht nur seine Deutsch-Lehrerin erfasst haben dürfte.

Aber was sagt nun A. selbst, nachdem er – Spaghettimonster sei's gedankt – darauf verzichtet hat, seine Schreibmotivation im Spiegel diverser Wissenschaften zu betrachten? Er schreibt: „Die Hypertextualisierung der Gegenwart ist unwirklich, absurd, krankhaft und doch schreiben wir.“ Zwar kritisiert er diese Entwicklung, feuert sie jedoch mit der Produktion von „überflüssig-selbstverliebten“ Texten an. Der Grund seines Schreibens sei die Rache „an Lehrern, Journalisten, Dozenten und Mitmenschen“, die ihn mit ihrem Getexte erschlagen hätten. Wer heute schreibt, so könnte man diese Rache auch interpretieren, tut dies womöglich, um sich mit der Zusammenhanglosigkeit, der Beliebigkeit, eben die Hypertexualität seiner Erfahrung nicht abfinden zu müssen. Wäre eine solche Motivation nicht philosophisch zu nennen?



Über das Schreiben (Assmann)

 Eine Liebeserklärung an die Redundanz

 von Mathias Assmann (Link: http://rescogitans.de/)

Warum schreibe ich? Diese Frage kann ich sowohl kausal deuten im Sinne von: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ als auch telelogisch: „Was ist der Grund, weswegen ich schreibe.“ Dabei könnte der Grund mein Schreiben sowohl komplett kausal determinieren, als auch mitverursachen. Er könnte aber auch eine reine Rationalisierungsstrategie sein. Die Gründe müssen also nicht die Ursachen sein, sie könnten auch von mir erfunden worden sein, um vor mir ein Verhalten zu rechtfertigen, das gänzlich anders motiviert ist.

Widmen wir uns der ersten Frage: „Was ist die Ursache dafür, dass ich schreibe?“ Diese Frage lässt sich kaum allgemein beantworten. Psychologisch könnte ich sagen: Durch sehr gute Deutsch-Noten wurde ich zum Schreiben konditioniert. Ich wurde schlicht und einfach fast immer belohnt, wenn ich geschrieben habe. Nun könnte man weitere Ursachen anführen: Soziales Geltungsstreben, Neugierde, Lust an der Verfeinerung der eigene Elaborate, ein intellektuelles Bestreben, einen Gegenstand gedanklich zu durchdringen unter der Zuhilfenahme des geschriebenen Wortes, das den Vorteil eines ausgelagerten Gedächtnisses mit sich bringt. Auch wäre es denkbar, dass das Schreiben selbst einen Zweck für mich bedeutet: Ich schreibe, weil Schreiben mir Zweck ist. Man könnte sich viele psychologische Erklärungen denken: Psychoanalytisch wäre zum Beispiel die Annahme, dass ich Triebe sublimiere oder unliebsame Empfindungen ins Abstrake hinein intellektualisiere. Evolutionspsychologisch könnte man sagen, dass elaborierte Menschen eher überlebt haben. Viele weitere Erklärungen sind denkbar. Bzgl. der zweiten Frage würden nur Gründe herhalten, die bewusst sind, psychoanalytische Erklärungen, die sich auf unbewusste Kausalitäten beziehen, würden hier ausscheiden und partiell ausgelagert werden. Gründe könnten sein: Ich möchte eine politische oder philosophische Botschaft übermitteln, etwas aussagen, wirtschaftlich erfolgreich sein, Frauen beeindrucken etc. An diesen Überlegungen wird ein philosophischer Aspekt deutlich: Handlungen basieren auf Gründen, wir können sie deuten, aber wir sehen die Ursache nicht. Vielleicht können wir irgendwann Handlungen rein kausal im Sinne einer Reduktion auf neurobiologische Korrelate erklären, momentan sind wir auf Deutungen angewiesen, die eine Ebene höher sind. Überhaupt können wir kausale Verknüpfungen nicht sehen, aber in den Naturwissenschaften haben wir häufig empirische Evidenz. Bei menschlichem Verhalten sieht das anders aus. Es ist so komplex, dass hier eher statistische und deutende Aussagen Sinn machen, philosophische Handlungstheorie und Psychologie sind deswegen eng miteinander verknüpft. In intradisziplinären Psychologie-Diskursen zwischen Behaviorismus und Psychoanalyse wurde dieser Aspekt in der Wissenschaftsgeschichte deutlich und es wurde ausgiebig gestritten.

Ich denke, dass mein Schreiben multikausal verursacht ist. Unterschiedlichstes spielt eine Rolle. Systeme, die ein Mensch nicht mehr überschauen kann. Ich schreibe, weil ich meine Gedanken entwickeln möchte, weil ich Kritik ernten möchte und mein Denken verfeinern möchte. Manchmal schreibe ich auch einfach, weil es sich beruhigend anfühlt, wenn die Tastatur-Tasten unter den eigenen Fingern nachgeben. Ich schreibe, um zu kommunizieren, Informationen zu vermitteln, Beziehungen zu pflegen, wenn ich auf Facebook mit jemandem schreibe oder einen Brief verfasse, aber in diesem Essay geht es mir eher um literarisches und philosophisch angehauchtes Schreiben, wie man es hier auf dieser Seite im Blog findet. Dies ist teilweise aber auch eher dahingeklatscht, eine Übung, die nicht viel Gehirnschmalz braucht. Selte ist hier etwas ausdifferenziert, formal und inhaltlich voller Hochglanz, sondern oft ist es etwas, was vermutlich nie jemand lesen wird. Wenn jemand möchte, kann er sich gerne die Mühe machen und mein Schreiben durchforsten. Man wird vermutlich Manches finden, was unterhalten kann und dann freue ich mich, das Meiste dürfte aber redundant wirken.

Aufgrund diesen vielen Erklärungen und der momentanen Unmöglichkeiten der Psychologie, gesicherte Erklärungen zu geben, die über berechtigte Zweifel erhaben sind, möchte ich die Frage „Warum schreibe ich?“ philosophisch, emotional und assoziativ beantworten. Kurz: Ich möchte dieses wissenschaftlich klingenden Wortschwall, den Sie bisher lesen mussten, aufgeben und durchstarten, neu, ehrlicher:

Diese Welt ist hypertextualisiert und ich trage mit dazu bei. Vielleicht ist mein Schreiben ein Nachahmen dessen, was ich wahrnehme: Eine traumatische Übertragung, in der ich mich dafür räche, von Text erschlagen zu werden. Das Internet, Buchläden und Bibliotheken sind voll mit Informationen. Fast jeder Gedanke wurde schon gedacht und möchte man etwas Neues oder Lesenswertes schaffen, was nicht einfach Anderem, was geschrieben wurde, unrechtmäßig die Aufmerksamkeit stiehlt, dann braucht es Genie und hartes Training. Doch dieses Training und dieses Genie hat so gut wie niemand, auch ich nicht, dennoch breiten sich die Textwüsten – Viel Text, also keine Metapher im Sinne von “Servicewüste”, aber: Immer der gleiche: So wie beim Sand in der Wüste – immer weiter aus. Deshalb schließe ich meinen Essay wie folgt: Ich und auch viele Boulevard-Journalisten, Akademiker und Andere schreiben meist aus wirtschaftlichen Motiven und/oder weil sie sich im Bildungssystem beweisen müssen oder Ähnliches. Dieses Schreiben hat etwas Irrationales, weil es sich vom Eigentlichen, von der Existenz, vom Inhalt entfernt. Es ist bloß Mittel zu wirtschaftlichem/sozialen Zweck, aber inhaltliche absolut überflüssig. Die Hypertextualisierung der Gegenwart ist unwirklich, absurd, krankhaft und doch schreiben wir. Unser Schreiben ist vielleicht das größte Loblied an das Absurde, das es je gegeben hat. So wie Kierkegaard sich dem Religiösen hingibt, obwohl oder gerade weil es irrational ist, so springen Texter ins belangslose Schreiben. Klar, hier könntet ihr sagen: Aber wirtschaftliche Motive sind doch sinnig. Ja, gut. Vielleicht vordergründig, doch worum es mir geht, ist das Lebensgefühl, das dieses Schreiben ob der fehlenden inhaltlichen Relevanz transportiert: Die große Rache an Lehrern, Journalisten, Dozenten und Mitmenschen, die mit überflüssig-selbstverliebten Text erschlagen haben. Und ich bin kein Bisschen besser: Ich schlage mit den gleichen Waffen zurück!

Sonntag, 12. August 2012

Über das Schreiben (Zamzow)

von Karsten Zamzow

Die europäische Kultur ist ausgebrannt. Was uns zu tun bleibt, ist die Kanonisierung und die Deutung des Überlieferten. Es ist nicht mehr die Zeit, unsterbliche Werke zu schaffen; es ist die Zeit der Gesundheit, des Designs und der Bodylotion. Wir sind die letzten Menschen, wie sie Nietzsche nennt. Unsere Würde hängt einzig davon ab, ob wir den Mut finden, diese Erkenntnis wie eine bittere Medizin zu schlucken oder nicht. Unsere Aufgabe besteht nur noch darin, ein Erbe zu pflegen, das wir um nichts mehr bereichern werden.

Unter diesen Vorzeichen ist klar, dass es mir im Folgenden nicht darum gehen kann, so zu tun, als ob das, was ich schreibe, irgendeine herausgehobene Bedeutung hätte. Im Gegenteil, das Internet ist überschwemmt von planlos hingeklatschten Texten wie den meinigen. Und es gibt sicherlich keinen Grund, warum jemand dem von mir Hingetippten etwas abgewinnen sollte. Einerseits will ich natürlich etwas schreiben, das Bedeutung hat, keiner von denen sein, die man genervt wegklickt, andererseits weiß ich nur zu genau, dass meine Texte keine Bedeutung haben können. Es ist vorbei. Aber wer vermag mit dieser Wahrheit zu leben, damit, dass alles, was er schafft, von vornherein zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, einfach dadurch, dass er es schreibt, ein Mensch des immer noch jungen 21. Jahrhunderts?

Was den Autoren früherer Generationen noch als die Bedingung zu ihrer öffentlichen Geburt gegolten hatte, nämlich das Publizieren, ist heute jedem leicht möglich. Dies hat den Vorteil, an einer Vielzahl von Weltsichten partizipieren zu können, von denen man sonst nichts erfahren hätte. Aber gerade weil jeder veröffentlichen kann und es keinerlei Beschränkungen gibt, werden Trillionen von Zeilen geschrieben, die, anstatt für immer im Netz zu kursieren, vielleicht besser nur ausgesprochen worden wären. Sieht dieses Ewig-im-Netz-Kursieren nicht auch ein wenig nach Unsterblichkeit aus, wenn dabei auch das Werk, der Superfetisch aller Schaffenden, fehlt? Wir wissen noch nicht, was es bedeutet, virtuell zu überdauern. Dazu ist das Internet eine zu junge Erfindung. Vielleicht wird es einmal Netzarchäologen geben, die Biographien anhand der im WWW hinterlassenen Spuren schreiben. Auch Täterprofile sind denkbar. Für diesen Fall scheint es ratsam, seine Spuren so durchdacht als möglich zu setzen. Womit wir wieder beim Thema wären: Schreiben. 
 
Warum schreibe ich? Vielleicht deshalb, um meiner Weise, die Dinge zu sehen, eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die in der sogenannten Wirklichkeit auf wenig Verständnis stößt. Schreiben heißt für mich, zu existieren; es ist nichts, das ich nebenher machen würde, weil ich Lust dazu hätte. Eigentlich will ich immer schreiben, jeden Tag. Zu schreiben, gehört zu meinem Habitus.
Ich produziere keine sorgfältig durchkomponierten Kurzgeschichten, von umfangreicheren Genres gar nicht zu sprechen. Nein, dazu fehlt mir die Konzentration, die Spannung, die Intellektualität. Spätestens nach drei Minuten verliere ich den Faden. Nur in diesen drei Minuten kann ich genügend Kraft bündeln, irgendwie - ich weiß nicht, wie - zusammenziehen, schreiben. Ich strebe äußerste Intensität bei äußerster Knappheit an. Meine Fragmente sind meine Ejakulationen, meine Erschöpfungen. Sie haben viel mit benutzten Kondomen gemein. Es noch zu können, sich noch explosiv und absolut erschöpfend verausgaben zu können, in drei Minuten, auf zehn Zeilen, das beglückt. Danach sinke ich benutzt zusammen, alles ist raus. [Zu einem Zeitpunkt,] [w]o andere noch nicht einmal warm geworden wären, liege ich schon vernichtet danieder - und lächle: denn ich kann es noch.“ (20. Juni 2011)

Vielleicht bin ich deshalb ein so miserabler Schreiber, weil meine Impotenz nur eine partikuläre, keine absolute ist und folglich auch meine Angst, impotent zu sein, nicht groß genug ist, um mich zu noch dramatischeren Texten anzustacheln. Aber das ist eine Übertreibung, wie alles Übertreibung ist, was geschrieben wird. Denn warum sollte man überhaupt etwas schreiben? 
 
Von diesen Nebelbomben abgesehen - und hiermit breche ich mein kleines Bekenntnis ab - kann das Schreiben dazu dienen, sich die eigene Entwicklung durchsichtig zu machen. Wer regelmäßig schreibt, kann anhand seiner Aufzeichnungen nachvollziehen, warum er steht, wo er steht (bereits nach etwa drei Tagen behandele ich meine Texte wie ein Historiker, der Quellen sichert). Schopenhauers Diktum, dass alle Dinge herrlich zu sehn, aber schrecklich zu sein seien, lässt sich auch auf unsere Vergangenheit übertragen. Wer vermöchte heute schon zu sagen, zu welch rührigem Gegenstand seine soeben herausgeschriene und dann aufgeschriebene Verzweiflung einmal in seiner Erinnerung werden wird? Das klassische Instrument des Vergegenwärtigens ist das Tagebuch. Um das Realitätsprinzip etwas zu lüften und den Identitätszwang aufzubrechen, bieten sich auch narrative Textsorten an. 
 
Nicht immer ist man bereit, eine Regung oder einen Gedanken als zu sich gehörig gelten zu lassen. Für diesen Fall empfiehlt sich das narrative Schreiben. Denn immer wird man über das Geschriebene sagen können: Nicht ich spreche hier, sondern jemand anderes. In allem Erzählten finden sich biographische Beimengungen, aber ebenso Masken, falsche Häute und verwischte Spuren. Es ist bekannt, dass sich Goethe den innwendigen Überdruck von der Seele nahm, als er den Werther schrieb. Werther musste sterben, damit Goethe leben konnte. Es erscheint allemal vernünftiger, einen Doppelgänger zu opfern, als sich selbst. Einige Leser Goethes, junge unglückliche Männer vor allem, zogen es hingegen vor, Werther in den Tod nachzueifern. Ihnen fehlte offenbar das Ventil. Und was wäre aus Thomas Mann geworden, wenn ihm das Talent zur eleganten Prosamaschine abgegangen wäre? Die Beantwortung dieser und ähnlicher (denn die Namen sind austauschbar) Fragen bedeutete wohl zu wissen, was Thomas Mann gewesen wäre, wenn er nicht Thomas Mann gewesen wäre. 
 
Zum Einen nützt das Schreiben, um sich seiner Identität zu versichern. Damit hat es eine stabilisierende Wirkung. Andererseits droht, wer schreibt, in eine Parallelwelt zu geraten, wenn er sich auf seine erzählerische Identität versteift. Bekannt ist, dass Kafka Felice Bauer, seiner Verlobten, schrieb, er sei Literatur. In der Forschung kursiert sogar die Auffassung, Kafka habe sich nur auf Felice eingelassen, um jemanden zu haben, dem er Briefe schreiben konnte. Nun ist Kafka sicherlich eine extreme Figur und deshalb kein gutes Beispiel. Wenden wir uns also dem Philosophen Bieri zu, der mit einigen Romanen auf sich aufmerksam gemacht hat. Er schreibt: „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst die Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“ Das Schreiben ist eine von vielen Möglichkeiten, sich auszudrücken. Dabei ist fraglich, inwiefern das, was man schließlich als Text vor sich hat, tatsächlich zur Selbsterkenntnis beiträgt. Bieri ist Optimist und ein Vertreter sonniger Rationalität. Ohne weiteres ließe sich indes fragen, ob nicht die „stilistische Individualität“, wie er sie nennt, nur auf dem Papier oder dem Bildschirm existiere. 
 
Immerhin kann ich eine gewisse Distanz zu dem gewinnen, was ich geschrieben habe (und womöglich bin). Wer seine alten Texte durchliest, wird sich oft die Hände über den Kopf zusammenschlagen müssen. Ist es nicht erstaunlich, dass sich jemand dem, was er vor Jahren noch für unbestreitbar gehalten hat, heute nur noch mit einer gewissen Ironie zu nähern vermag? Gleichzeitig bleibt er befangen und kann seine Texte nicht so beurteilen, als ob sie ein Fremder geschrieben hätte. Man kann den Wert des Geschriebenen, dessen Schätzung von ohnehin höchst subjektiven Kriterien abhängt, schwerlich erkennen, erst recht, wenn man selbst der Autor ist. Denn man weiß ja, was man sagen wollte, man hat den privilegierten Zugang zum Eigentlichen, zum Gemeinten des Textes, als dessen Ausdruck man ihn deutet. Selbstkritik ist eine schmutzige Sache, weil man immer noch ein wenig derjenige ist, über den man sich hermacht. Was für den Außenstehenden nach belanglosen Nabelspielen aussehen mag, kann sich für den schreibend Befangenen zu einem moralischen Problem auswachsen. Was wohl nicht so wäre, wenn das Schreiben nichts mit Selbsterkenntnis zu tun hätte. Also Punkt für Bieri.

Das Schreiben ermöglicht es dem Schreibenden, dem trübe dahinplätschernden Erlebnisstrom eine individuelle Form aufzuprägen, sich die Erfahrung anders anzueignen als jemand, an dem das Leben vorüberrauscht. Wenn es zutrifft, und die Zeichen für diese These verdichten sich, dass unsere Wahrnehmung in der Sprache fundiert ist, könnte das Schreiben auch als eine Art Wahrnehmungstraining verstanden werden.

Abschließend nun sei gefragt, was einen guten Text ausmache. Woher kann ich als Schreibender wissen, dass es irgendeinen Wert hat, was ich schreibe? Dass dieser Wert nur ein subjektiver sein kann, ist Gemeingut. Doch diese Subjektivität ist etwas, das sich mit den Mitteln der Sprache formen und bearbeiten lässt. Der Mensch ist nicht interessant, solange er nur so ist, wie er ist. Die goethische Weise der Weltbetrachtung etwa ist durch und durch stilisiert, ohne deshalb gekünstelt zu sein. Wer liest, hört die Stimme des Autors. Die Aufgabe des Autors, wie ich sie verstehe, besteht darin, an seiner Stimme zu arbeiten, sie zu modellieren und zu pflegen, bis sie ganz die seine ist. Damit will ich nicht sagen, dass man die Sprache völlig beherrschen könne. Einen einzigartigen Stil zu kreieren, sehe ich nicht als primäres Ziel an. Aber ein geschärftes Bewusstsein für das Wie des Schreibens in all seinen Formen - und damit auch für die Unmenschlichkeiten, die es lieben, ihre Eier in Dummheiten zu legen und zwischen den Zeilen auszubrüten - tut uns allen not. Denn das noch etwas geschrieben wird, ist klar, auch wenn diesem Geschriebenen die Bedeutung fehlt und fehlen muss, die über den Tag hinausreichte, und zwar mit traurig-unausweichlicher Notwendigkeit.
Oder gibt es da draußen etwa immer noch Leute, die noch große Kultur spielen? Ohne Abstriche? Mit dem ganzen selbstzerstörerischen Ernst?